“Grabräuber“ aus Gourna zwangsumgesiedelt

Über ein halbes Jahrhundert wurde diskutiert, angedroht, angeordnet, zurückgenommen ... die letzten Bewohner von Alt-Gourna blieben weiterhin in ihren Häusern, die zwischen, zum Teil sogar über den Gräbern der Würdenträger, der Noblen auf der Westbank von Luxor standen. Soviel war darüber geredet worden, dass sicher die letzten Grabbeigaben – wenn überhaupt – längst ausgeräumt und vor einem Zugriff der Archäologen in Sicherheit gebracht worden waren. Die Bewohner, früher angeblich teilweise “Grabräuber“, waren inzwischen wohl alle brave Alabasterschleifer, Souvenir-Fabrikanten, Touristenführer, Limonadenverkäufer usw. geworden. Und nun wurden vor ein paar Monaten nach dem unerfindlichen Ratschluss von Sankt Bürokratius die letzten malerischen Häuser geräumt und ein paar Tausend Bewohner nach Neu-Gourna und weiter umgesiedelt. Wenn Sie noch Fotos von den naiven Bemalungen von Mekka-Wallfahrten der Besitzer haben, heben Sie sie gut auf. Es sind historische Dokumente geworden. Immerhin wurden entgegen alarmierenden Pressemeldungen nicht alle alten Häuser plattgewalzt. Das lässt Korrekturen des Programms zu.
Der Anfang der Welt

Nackter reckt sich hinter den Memnon-Kolossen das westliche Gebirge gen Himmel seit der Umsiedlung der Gournawis. An dieser Stelle entstand nach pharaonischer Legende die Welt. Der die Welt bedeckende Ur-Ozean hatte sich zu einem Fluss verdichet, dem Nil. Aus ihm tauchte eines Tages die Spitze einer Pyramide auf. Es war die natürliche Pyramide auf der Gebirgsspitze, die besonders gut aus dem Tal der Könige zu sehen ist und zu seiner Magie beitrug. Fünf weibliche Elemente (Körper, Lebensenergie ka, Seele, Schatten, Name) vereinigten sich zur ersten Frau; fünf männliche Elemente zum ersten Mann. Mann und Frau fanden zusammen. Es war der ägyptische “Urknall“, der Beginn der Welt. (Das Foto des Verfassers zeigt die typische Stimmung des Khamsin, des Wüsten-Sandsturms, der Hitze und Sandstaub bringt. Khamsin heisst auf Arabisch 50, weil er manchmal soviel Tage dauert. Sonne und blauer Himmel sind verdeckt.)
Kom el Hettân wird bedeutendes open-air Museum

Unter der Leitung des Archäologen-Ehepaars Hourig Sourouzian und Rainer Stadelmannn von Deutschen Archäologischen Institut in Kairo gehen die Arbeiten am Totentempel des Pharaos Amenophis III (= Amenhotep III, 18. Dynastie, 1387-1348 vor unserer Zeitrechnung) auf der Westbank von Luxor weiter. Mit seinen 35 ha ist dies der grösste je gebaute Totentempel. Obwohl bewacht von den beiden gigantischen 18 m hohen Quarzit-Sandstein-Monolithen des Pharao auf seinem Thron, den “Memnon-Kolossen“, wurde er durch ein Erdbeben im 1. Jh. n. Chr. zerstört, alljährlich von den Nilfluten bedeckt und immer wieder als Steinbruch verwandt. Er erweist sich neuerdings als archäologische Schatztruhe.
Neben Sphingen von Amenophis und seiner Gattin Teje, zuletzt einer Teje-Statue und der abgebildeten, aus vielen Bruchstücken zusammengesetzten Amenophis-Statue, wurden zwei Kolosse von 12 m Höhe entdeckt (www.obib.de/Reiseberichte/Aegypten/Aegypten2005.html) sowie über fünfzig intakte Darstellungen der Sechmet, der löwenköpfigen Göttin des Krieges mit Frauenkörper und Löwenkopf teils aus schwarzem Granit (Diorit). Sechmet symbolisierte im alten Ägypten auch die Angriffslust, die Epidemien und die Heilung von Krankheiten. Warum wurden so viele Sechmet-Statuen im Tempel aufgestellt? Sollte die Göttin den oft “Sonnenkönig Ägyptens“ genannten Pharao siegreich in seinen Schlachten machen oder seine Gesundheit schützen? Ersteres gelang, letzteres nicht. Denn der große Herrscher starb schon mit knapp 40 Jahren an einer schlecht behandelten Zahnentzündung. Es ist vorgesehen, die Funde nächstes Jahr als Museum unter freiem Himmel aufzustellen. Kom el Hettân wird dann eins der wichtigsten der pharaonischen Zeit sein. Zur Erinnerung an den großen, friedliebenden König, in dessen Regierung das Land den Gipfel seiner Macht und seines Wohlstandes erreichte.
KV63 - Archäologen streiten über Gold-Särge
Mehr als 80 Jahre nach der Entdeckung des Grabes von Tutanchamun hat ein US-Forscherteam der University of Memphis im Tal der Könige vor ein paar Monaten eine kleine Grabstätte mit dem Arbeitsnamen KV63, also King Valley Grab Nr. 63 entdeckt. Sie könnte nach Einschätzung der Archäologen königliche Gebeine bergen. Die Stätte mit sieben hölzernen, davon drei vergoldeten Särgen und vielen Krügen liegt nur sieben Meter von Tutanchamuns Grab entfernt in vier Metern Tiefe. Sie war zunächst als Lager für Gegenstände zur Mumifizierung angesehen worden. Mittlerweile spekulieren Ägyptologen, es könne sich um die letzte Ruhestätte von Tutanchamuns Mutter oder seiner Witwe Anchesenamun handeln.

Leider gibt es Streit: Zwischen den Amerikanern und den ägyptischen Behörden, innerhalb der US-Mannschaft und mit einem Briten, der den Fund für sich beansprucht. Es handele sich um eine "einmalige" Entdeckung, versichert die Direktorin des Archäologie-Institutes der Universität Memphis, Lorelei Corcoran. "Wir sind begeistert, aber wir dürfen uns nicht zu weit vorwagen", sagt sie. Der Chef der Behörde für Altertümer in Luxor, Mansur Boraik, "... geht zu 70 Prozent davon aus, dass eine königliche Mumie in der Grabstätte freigelegt wird“.
Der Chef der US-Ausgrabungstruppe, von der das obige Foto stammt, Otto Schaden, meint, es könne sich um die Mumie der Witwe Tutanchamuns, handeln. Doch Zahi Hawass, Leiter der gesamt-ägyptischen Altertümerverwaltung, hält diese These für abwegig: "Tutanchamuns Witwe hat nach dessen Tod einen hohen Würdenträger geheiratet, sie hatte genügend Zeit, sich ein würdigeres Grab zu organisieren." Hawass glaubt eher, dass Tutanchamuns Mutter im KV63 begraben liegt.
Die Uneinigkeit zwischen Ägyptern und Amerikanern ist nur eine Facette bei der Suche nach dem Geheimnis des Grabes. Denn der britische Archäologe Nicolas Reeves, einer der bedeutendsten Experten für das Tal der Könige, verkündet mittlerweile, eigentlich habe er KV63 entdeckt. Reeves leitete bis 2002 ein großes Projekt namens ARTP (Amarna Royal Tomb Project) im Bereich des jetzt entdeckten Grabes. Er musste 2002 seine Arbeit abbrechen, weil er - völlig zu Unrecht - verdächtigt wurde, wertvolle Funde illegal verkauft zu haben. "Wir hatten eine großangelegte Strategie - traurig, dass wir sie nicht zu Ende führen durften", schreibt Reeves auf seiner Internetseite. Soweit der Klatsch.

Mumie der Hatschepsut identifiziert

Die Mumie von Hatschepsut, der faszinierenden klugen und schönen Frau auf dem Pharaonenthron ist identifiziert. Sie war schon vor längerem sarglos auf dem Boden im Grab KV60 gefunden worden. Das war nicht ungewöhnlich. Ihr Sarkophag mag von Grabräubern entwendet oder zerschlagen worden sein. Er könnte auch später zur Bestattung eines anderen Pharaos benutzt worden sein, der zu jung und überraschend starb, um seinen eigenen herzustellen. Ihre Mumie mag von Priestern in einer Nacht- und Nebelaktion aus ihrem Grab KV20 entfernt worden sein, um sie vor Grabräubern zu schützen. Ihr Stiefsohn und Nachfolger Thutmosis III könnte sie auch aus ihrem Grab haben verschwinden lassen aus den in http://www.obib.de/Reiseberichte/Aegypten/Hatschepsut.html genannten Gründen. Nun hat man in einem Holzkästchen aus dem DB320-Versteck, in dem der Geburts- und der Königsname Hatschepsuts eingeschnitzt ist, einen rechten oberen Backenzahn (1 7 für Zahnärzte) nebst Wurzel gefunden. Und bei der obigen Mumie fehlt gerade dieser Zahn und passt in Grösse und Form. Das wurde bei Tomographie-Scans in dem neuen Labor des Ägyptischen Museums in Kairo festgestellt – im Rahmen des Ägyptischen Mumien Projekts EMP mit CT- und DNA-Analysen. Übrigens hat die Untersuchung auch ergeben, dass Hatschepsut mit etwa 50 Jahren starb, auch sonst sehr schlechte und entzündete Zähne hatte. Dies und ihr starkes Übergewicht könnten auf eine diabetes mellitus hindeuten. Sie hatte einen Tumor in der linken Hüfte, Arthritis, Krebs im Rückgrat, einen Bandscheibenvorfall. Sie war so übergewichtig, dass bei der Mummifizierung die Eingeweide nicht – wie üblich – durch die Bauchdecke, sondern durch den Beckenboden entfernt wurden. Diese medizinischen Feststellungen sind keine geschmacklich zweifelhafte Pietätlosigkeit, sondern sie legen eine historische Korrektur nahe: Eine so schwer kranke Frau ist wohl eher eines natürlichen Todes gestorben als von Ihrem Stiefsohn und Nachfolger aus Machthunger umgebracht worden.

Auch Tutenchamun wurde übrigens nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht durch einen Schlag auf den Nacken ermordet, sondern starb an einer Bein-Infektion.
Natürlich wird dieses schöne neue Spielzeug DNA vielfältig benutzt, es soll sogar jetzt ein zweites Labor für Gegenproben eingerichtet werden. Schon bewiesen wurde, dass die vermutete Mumie von Thutmosis I nicht die Mumie von Thutmosis I ist. Daran bestanden allerdings schon vorher begründete Zweifel. Denn die Arme waren nicht – wie bei Pharaonen des Neuen Reiches üblich – über der Brust gekreuzt, sondern seitlich vom Oberkörper ausgestreckt.
Bad bei Karnak entdeckt

(Entnommen aus touregypt.net/teblog/luxornews, da ich meine Digicam nicht dabei hatte.)
Unter Aufsicht von Mansour Boreik, dem Leiter der Antikenverwaltung Luxor, wurde ein Bad aus ptolemäischer Zeit in der Nähe des Karnak-Tempels ausgegraben. Es wurde nur wenige Jahre benutzt, bevor die Römer es überbauten, zeigt aber einige Delphin-Mosaiken. Bäder waren zu dieser Zeit Orte gesellschaftlichen und geschäftlichen Zusammentreffens und Gedankenaustauschs - das Teehaus der Zeit. MB berichtete im Rahmen der beliebten Samstagabende im Mumifizierungs-Museum, dem Treff der ägyptischen und expat Hobby-Archäologen, recht anschaulich über die Grabungscampagne. Das dabei gezeigte, nicht unbedingt hochwissenschaftliche Dia veranschaulicht die Grössenverhältnisse.
So kommen immer neue Erkenntnisse und Schätze zum Vorschein. Zahi Hawass meint, es seien überhaupt erst 30% aller alten Wertobjekte ausgegraben in diesem magischen Lande, aus dem so viele Grundlagen unser Kultur und Religion stammen: Der erste zentral verwaltete Staat. Das Prinzip des Monotheismus, das nicht nur auf den ?Ketzerpharao“ Echnaton im 14. Jh. vor unserer Zeitrechnung zurückgeht, sondern schon vorher im “verborgenen“ Gott Amun ohne Name und Form begründet ist. Die Idee einer Dreieinigkeit (schon in der "Reichs-Triade" der drei Hauptgötter Amun, Re und Ptah und in anderen Provinz-Triaden). Die der Erbsünde, der unbefleckten Empfängnis (Gott Amun wohnte stets der jeweiligen Königin bei und zeugte den Nachfolger). Isis verkörperte die gnadenreiche, barmherzige Mutter der selbstlosen Liebe; sie wurde zusammen mit ihrem Kind Horus in einer Haltung dargestellt, die christlichen Betrachtern als übereinstimmend mit Bildern von Maria und dem Jesuskind auffällt. Im Opfertod der Gottheit finden sich Parallelen: Osiris starb – schon als alte Vegetationsgottheit – jährlich, um zu neuer Glorie auferweckt zu werden. Wie der Totenkult zeigt, ist schon die Vorstellung des erlösenden Gottes, der Wiederauferstehung und des ewigen Lebens ur-ägyptisch. Auch das christliche Kreuz dürfte von dem ägptischen Henkelkreuz des Lebens ankh (s. u.) abstammen. Der schon im dritten Jahrtausend v. Chr. verehrte Gott der Unterwelt Seth, als Mörder seines Bruders Osiris Inbegriff des Bösen, galt als Gegenkraft zur Ordnung. Er symbolisierte unrechtmässige Gewalt, das Übel an sich. Liegen hier schon die Ursprünge des späteren Teufelsbegriffes? An das unbeliebte Seth-Reittier Schwein knüpft möglicherweise das in der jüdischen Religion verwurzelte und später auch vom Islam übernommene Verbot des Verzehrs von Schweinefleisch an. Und wenn man in einem Totenbuch liest: “Ich habe kein fremdes Eigentum beschädigt, niemanden verleumdet, keinem Schmerz zugefügt, niemanden hungern lassen, keine Tränen verursacht; ich habe niemanden getötet, auch nicht zu töten befohlen“, dann sind die 10 Gebote nicht weit. Die Probleme der Menschheit waren wohl vor 4000 Jahren ähnlich wie heute und die Menschen sind von ihrer Lösung ebenso weit entfernt wie damals.

Man mag sich fragen, ob ohne das alte Ägypten überhaupt Judentum, Christentum und Islam in ihrer heutigen Form vorstellbar sind. Natürlich erleichterten die genannten Parallelen auch die schnelle Verbreitung der christlichen Religion im Land am Nil. Innerhalb weniger Jahrzehnte erlosch die Anbetung der traditionellen Götter des Niltals, wie Gerhard Konzelmann richtig anmerkt. Überhaupt sagte ja schon Kant: "Es ist nur eine wahre Religion; aber es kann viele Arten des Glaubens geben.“

K. G. Müller, 2008


 

Tal der Könige, Theban Mapping Project* (kv5.com; engl.)
kv-63.com* (engl.)