NW 1999/1145
Jülich, Am Aachener Tor

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Wie Ausgrabungen im Januar und Februar 2000 im Bereich des mittelalterlichen Stadttores "Hexenturm" und des angeblich renaissancezeitlichen Stadttores "Aachener Tor" (früher "Rurpforte" genannt) vermuten lassen und ein Kartenvergleich einer Fülle von Hartwig Neumann publizierten Abbildungen alter Pläne erhärten, scheint das "Aachener Tor" zwar als neues "Rurtor" schon vor 1548 errichtet worden zu sein, jedoch nicht, wie historisch bisher angenommen, an der Stelle wo es heute steht.

Die Grabungsergebnisse legen den Schluß nahe, daß das sicherlich vorhandene renaissancezeitliche Stadttor aus geländetechnischem Bauplanungszwang und wohl auch Ästhetik zunächst direkt vor dem Hexenturm errichten worden ist und die alte, mittelalterlich überpflasterte, im Unterbau römische Ausfallstraße in der Verlängerung der Kleinen Rurstraße zunächst für längere Zeit als Damm stehen blieb und mit einem vorgelagerten, bisher übersehenen, Ravelin ausgestattet war. Dieser wurde nach der Verlegung des Stadttores im 17. Jh stufenweise zurückgebaut, bis nur noch die Spitze des Ravellins an der Feldseite des Grabens übrigblieb, welche dann als Waffenplatz genutzt und planerisch durch symetrisch verteilte Gegenstücke im Gesamteindruck des 18. Jh. assimiliert wurde.

Pasqualinis Vorstellung von Stadtbild-gestaltung dürfte es nicht entsprochen haben, den Ausblick durch das Tor des Hexenturms, der stadtseitig den abschließenden Blickpunkt einer wichtigen und schon römisch vorgeprägten Achse (vom Marktplatz aus in Richtung Südwest gesehen) aus rein symetrischen Gründen durch eine Mauer zu verbauen. Zudem hatte Herzog Willem V. nachweislich bereits 1540 ein neues Stadttor errichten lassen und zwar offensichtlich unmittelbar vor der Feldseite des Hexenturms, wo das südöstliches Fundament jenes ersten renaissancezeitlichen Stadttores von Jülich im Zuge der Ausgrabung teilweise freigelegt wurde (St. 5). Diese durchaus kuriose Situation ist auf mehreren Kupferstichen von 1610 dargestellt. Hier ein Ausschnitt des Kupferstiches von Nicolaes van Geillekerche (*um 1585 †1657), der als einer der berühmtesten niederländischen Stecher, Kartenverleger und Landmesser der 1. Hälfte des 17. Jh. gilt.

Ein weiteres Indiz für eine deutlich spätere Errichtung des Aachener Tores, als bisher angenommen, ergibt sich aus der Tatsache, dass in der Straße "Am Aachener Tor" eine zahlreiche Keramik-, Leder- und Tierknochenfunde aus dem 17. Jh. führende, 1 bis 2 m unter Gelände liegende, 0,50 bis 1,80 m mächtige, dunkel verfärbte tonige Schicht aufgefunden wurde, die über 34 m bis mittig vor das Torhaus des Aachener Tores erfasst werden konnte, wo sie an Mächtigkeit bis unter Grabungstiefe zunimmt. Es kann also in der ersten Hälfte des 17. Jh. hier kein Stadttor mit angebundener Strasse gestanden haben.

Die Steinsetzung am heutigen Aachener Tor entspricht zudem in der Ausführung auch nicht einer renaissancezeitlicher Formgebung, sondern im Vergleich dazu eher einem geschönten ingenieurtechnischen Mauer-durchbruch.

Die durch ein profiliertes Blausteingesims geschmückte Kordonlinie scheint in der Anschlußfuge nachträglich durch die grob behauenen Bossenquader der feldseitigen Torverblendung durchbrochen.

Wahrscheinlich wurde das ehemals dem "Hexenturm" vorgesetzte "Rurtor" erst frühestens Mitte des 17.Jh. an die heutige, etwa 100 m weiter südöstlich gelegene Position aus fortifikatorischen Gründen verschoben und mit Teilen der Original-verblendung verziert.

Der Verdacht, daß es sich nicht um Renaissance, sondern um einen end-manieristischen, spanisch induzierten, reinen ingenieurtechnischen Formalismus handelt, drängt sich auf. Vermutlich handelt es sich beim Verantwortlichen für die Verlegung des Stadttores in die Mitte der Südwestkurtine und den Bau des Aachener Tores, bzw. der Rurpforte, eher um Don Gabriel de la Torre, den letzten spanischen Gubernator (1641-1660) und die unter ihm besonders protegierten Jesuiten. E. Renard schreibt in "Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Band 8, Die Kunstdenkmäler des Kreises Jülich, 1902" bezeichnender Weise zum Aachener Tor: "... auf dem Schlußstein der Rückfront die Jahreszahl 1660."

Norbert Bartz, 12.04.2001


Grabungsbericht - NW 99/1145, Jülich, Am Aachener Tor