ASIATISCHE MINIATUREN
Good molning,

Die Vorhut der Traveler zieht es seit ein paar Jahren magisch nach Vietnam, besonders nach Saigon, der früheren Hauptstadt des südlichen Landesteils. Zu ihnen gesellen sich die früheren amerikanischer GIs und die Poilus der Fremdenlegion als Nostalgie-Touristen. Die meisten finden, daß angenehmes, leichtes Leben, anpassungsfähige Geschäftstüchtigkeit, Bürokratismus, Korruption, Drogenmißbrauch, Prostitution und Straßenkriminalität fast so sind wie in der guten alten Zeit des Vorsozialismus. Nur ihre früheren Freundinnen sind zu ihrem Schrecken inzwischen fast fünfzig geworden.

        Wie in China versucht sich das kommunistische Regime an der Macht zu halten und seine Untertanen an Aufstand oder Flucht zu hindern, indem es ihnen wirtschaftliche, kapitalistische Freiheit läßt. Das Ergebnis ist das Saigoner Wirtschaftswunder (kaum einer spricht noch von Ho-Chi Minh City). Die Geschäfte sind voller Menschen und Waren, und zahlreiche Hotel- und Bürobauten werden hochgezogen, überwiegend mit japanischem, südkoreanischem, taiwanesischem und Singapur-Kapital. All das trotz eines primitiven Bankensystems, schwacher Infrastrukrur und unzureichender gesetzlicher Regelungen. Jeder will ganz schnell ganz reich werden, und jeder Preis ist ein Kampf.

        Eine der prominentesten modernen Sehenswürdigkeiten der Stadt ist das "Museum amerikanischer Kriegsverbrechen". Diese Demonstration von Anti-US- Gefühlen wird die Amerikaner wenig geneigt machen, von der Devise "punish Vietnam" abzurücken. Man versteht einiges von dem amerikanischen Kriegstrauma, wenn man die Tunnel von Cu-Chi besucht, ein unterirdisches System von Gängen, Schlafsälen, Versammlungsräumen, Vorratslagern, Ambulanzen, von insgesamt 350 km. Davon sind 200 km miteinander verbunden. Die unglaublich gut versteckten Eingänge sind so klein und die Gänge so niedrig, daß sie wirklich nur wohl-trainierten Asiaten Zutritt erlauben. Die Amerikaner hatten das Unglück, ausgerechnet über diesem System ihr Hauptlager aufzuschlagen. Nachtsichtgeräte, Bewegungsmelder, Infrarotsucher - keine Ratte konnte unbemerkt durch die elektrischen Zäune kommen. Und doch wurden nachts die Zelte mit Salven und Handgranaten beschossen, Posten überfallen, booby traps, also getarnte Fallgruben mit angespitzen Bambuspflöcken ausgehoben. Es muß die Jungs aus dem Mittleren Westen an Geister haben glauben lassen und sie fast zum Wahnsinn getrieben haben. Unser Führer setzt eine Dose eisgekühlte Cola für den aus, der einen Tunneleingang in 5 m Umkreis findet. Das war ein begehrenswerter Preis, aber keiner gewann ihn.

        Der gleiche Tagesausflug führt zur Cao-Dai-Kathedrale, Heiligtum einer Sekte von drei Millionen Anhängern. Während des Mittags-Gottesdienstes erklärten mir zwei Führerinnen in fast unverständlichem Englisch, dann aber in perfekter, fehlerfreier englischer Schrift, daß diese Kirche die besten Elemente der großen Weltreligionen zusammenfasst. Die Hauptheiligen Buddha, Laotse, Konfuzius, Jesus, Mohammed, Jeanne d'Arc und - vor allem - Victor Hugo übermitteIten dem Religionsstifter 1926 die Inspiration in seine Schreibmaschine. Die Kathedrale ist durch achtzehn Säulen mit Drachen in neun "Himmel" unterteilt, in denen sich die neun Gruppen von Rangträgern versammeln, von Gläubigen über Unterwürdenträger, Priesterschüler, Priester, Bischöfe, Erzbischöfe, Cardinäle, Censor- Cardinäle bis Papst. Die Gewänder-Farben gelb (Buddhismus, Tugend), blau (Taoismus, Friede), rot (Konfuzianismus, Autorität) ergeben ein buntes Bild. Die wichtigsten Gebote der Sekte sind: Nicht töten, nicht lügen, nicht stehlen, Monogamie, vegetarische Ernährung.

        Ein paar Busstunden oder anderthalb Stunden im russischen Tragflügelboot führen nach Vung Tau mit ein paar goldenen Meilen der insgesamt fast dreitausend Kilometer Sandstrand des Landes. Vorgelagert sind die Erdölplattformen. Zu ihrer Wartung lebt hier eine größere Kolonie Russen, die neuerdings gar nicht mehr sonderlich beliebt sind. Etwa gleichweit ist es ins Mekong-Delta, wo sich der "neunköpfige Drache" nach 4.500 km Flußlauf in neun Mündungsarmen ins Südchinesische Meer ergießt. Eigentlich sind es acht Zuflüsse. Aber man hat ein Bächlein befördert, um auf die magischen neun zu kommen. Überall ist das Land von pathetischer Schönheit, in der die Hölle herrschte.

        In Saigon gibt es einige alte Bausubstanz mit französischem Charme. Dazu gehört insbesondere das Rathaus. Als ich es versonnen betrachte, entsteht plötzlich Gedränge um mich herum. Ein Fahrrad wird mir in die Kniekehlen gestoßen und treibt mich in die Hände von zwei überaus geschickten Taschendiebinnen. Als ich nach kurzer Kontrolle merke, daß mein Portemonnaie verschwunden ist, sind es auch die beiden Damen. Da ich als Verfasser eines Reisetipp-Buches ("Den Urlaub überleben") nicht mit der Schande leben will, mich wie ein Dorfdepp ausnehmen zu lassen, beschlagnahme ich das Fahrrad hinter mir. Die Besitzerin ist nach drei Sekunden nicht mehr zu sehen, was für ihr schlechtes Gewissen spricht, aber ein Komplize löst das Vehikel mit meiner Börse aus. Die Leute haben überaus professionell gearbeitet - Kompliment!

        Nette Stunden verbringt man bei den landestypischen Wassermarionetten, die wahrscheinlich vor vielen Jahrhunderten entstanden, als ein eifriger Pole Poppenspäler sein Marionettenspiel auch bei einer Monsun-Überschwemmung nicht abbrechen wollte. Nicht nur der Blick auf die artistisch gehandhabten Wasserpuppen, zum Teil sogar Pferde und Elefanten, sondern auch der auf die begeisterten kleinen und großen schwarzäugigen Zuschauer ist eine Freude.

        Ein ungewöhnlicher Tagesabschluß ist ein Dîner im Restaurant von Madame Diu, einer früheren Rechtsanwältin und Parlamentsabgeordneten inmitten der juristischen Bibliothek ihrer ehemaligen Kanzlei. Wenn Sie ihr sympathisch sind (und das sind Sie, wenn Sie französisch mit ihr sprechen), werden Sie vermutlich anschließend zu einem ihrer Konzerte in die Privatsalons der ersten Etage eingeladen. Diese bemerkenswerte grande dame ist ein Paradebeispiel für kluges Überleben ohne Klagen. Ebenso vibriert ganz Saigon von Lebenkraft und dem Willen, zu überleben und das Beste aus einem schweren Schicksal herauszuholen. Es ist wie ein Bad in Lebensmut.

Klaus G. Müller, 2002


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