Wie der Herr so gut gewesen
von Maria Susanna Gehlen, 1989
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Ein mitteleuropäisches Leben im 20. Jahrhundert

Seit dem 07. Dezember 1988 lebe ich im Altenheim St. Franziskus in Aachen-Eilendorf, Kirchfeldstr. 34. Die Übersiedlung dorthin war nötig geworden durch einen erlittenen Schlaganfall mit linksseitiger Behinderung und Lähmung der linken Hand. Meine Tochter Josefine hat mir vorgeschlagen, mein Leben zu Papier zu bringen. Schreiben kann ich noch, Gott sei Dank, also gebe ich mich daran.

Meinen Aufzeichnungen gebe ich bewußt den Titel:

"Wie der Herr so gut gewesen."

Ich, die Maria Gehlen geb. Müller, die genau Maria Susanna getauft ist, wurde am 28. Mai 1906 als Tochter des Krämers Johann Müller und seiner Ehefrau Eva geb. Göbel in Algringen/Elsaß-Lothringen zu deutschen Zeiten geboren. Elsaß-Lothringen war immer ein Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich. Zur Zeit meiner Geburt lag Algringen im Kreis Diedenhofen-West im freien Reichsland Elsaß-Lothringen.

Ich war immer klein von Gestalt, nach Aussagen meiner älteren Geschwister "klein, aber oho, ein kleiner Schlauberger!" Von Kindheit an habe ich mit Gott gelebt, er war mein Vater-Gott.

Erst möchte ich meine Eltern vorstellen:

Mein Vater, Johann Müller, geb. am 09. Juni 1866 zu Mehring an der Mosel im Bezirk Trier, als Sohn eines Ackerers (so in der Geburtsurkunde). Dieser Ackerer war zugleich Fährmann auf der Mosel. Meines Vaters Familie wurde in Mehring "Bäkisch" genannt. (Müller und Bäkisch, vielleicht ein Zusammenhang bei den Ahnen?)

Die Mutter meines Vaters, eine geborene Linden, soll nach Aussagen meiner Mutter eine herrschsüchtige, eine "schrohe" Frau gewesen sein, eben ihre "böse Schwiegermutter."

Die Geschwister meines Vaters:

1. den Pitter (Peter)
2. den Hanni (Johann, das war mein Vater)
3. den Jäb (Jakob)
4. den Hänschen (zweimal Johann unter den Vornamen?)
5. et Eva (später Frau Wintrich in Mehring)
6. et Sos (Susanna, später Frau Bayer in Trier)
7. et Ammi (Annemarie, die bei einem Scheunenbrand ums Leben kam). In der Mundart sagte man nicht "der" oder "die", sondern "den" Pitter und "et" Eva.

Meine Mutter, Eva Müller geb. Göbel, stammte ebenfalls aus Mehring und wurde dort am 04. September 1869 geboren. Die Familie wurde in Mehring "Ensch" genannt, nach dem Namen der Mutter. Der Vater hieß Göbel, aber meine Mutter war eben "Ensch Iv", amtlich Göbel Eva. Mein Großvater stammte aus dem Nachbarort Longen. Er war Leinenweber. Die Haltung bei seiner Arbeit am Webstuhl soll ihm ein Leberleiden eingebracht haben. Er war schon drei Monate tot, als meine Mutter, sein drittes Kind, zur Welt kam.

Meine Großmutter mütterlicherseits, Irmina Göbel geb. Ensch, war um die Jahrhundertwende in unseren Haushalt nach Algringen übergesiedelt und ist etwa 1910 bei uns in Algringen gestorben.

Die Geschwister meiner Mutter:

1. et Odel (Ottilie), später in Algringen Frau Eberth, nach ihrer Ausweisung aus Lothringen, in Baesweiler bei Aachen ansässig.

2. den Mattes (Matthias), seine Familie ist in Algringen, heute Algrange, geblieben. Seine Frau, die Tante Jennie, wurde dort als Französin geführt, da sie vor 1870 zu französischen Zeiten in Wolkrange geboren ist. Meine Vettern und Cousinen aus dieser Familie waren für uns immer dunkelhäutige Franzosentypen.

Das Heimatlied meiner Ahnen: "Das Mosellied":

Im weiten deutschen Lande zieht mancher Strom dahin;
Von allen, die ich kannte, liegt einer mir im Sinn.
O Moselstrand, o selig Land!
Ihr grünen Berge, o Fluß und Tal,
Ich grüß euch von Herzen viel tausendmal!
Und an des Stromes Bette, all überall im Tal,
Da stehen Dörfer, Städte und Burgen ohne Zahl.
O Stadt und Land! O Stromesrand!
Ihr grünen Berge, o Fluß und Tal,
Ich grüß euch von Herzen viel tausendmal!

Wie wurden meine Eltern in Algringen ansässig.?

Nach dem Sieg der Deutschen im Krieg 1870/71 fiel Elsaß-Lothringen an Deutschland. Der deutsche Michel gab sich forciert daran, in West-Lothringen die reichen Bodenschätze (Erz, Kohle, Salz) zu nutzen, und es entstand schon bald eine gut florierende Schwerindustrie. Den Moselanern winkte hier das große Geld. Das Moseltal wurde damals (wie auch die Eifel) das Armenhaus Deutschlands genannt. Die Menschen konnten sich zwar mit Ackerbau und Weinbergen gut ernähren, aber für Saatgut, Gebäudeinstandhaltung und Abgaben, die der Fiskus durch den sogenannten "Einnehmer" kassierte, reichte es nicht aus.

Ich war immer ein interessierter Zuhörer, wenn meine Eltern von der alten Zeit sprachen. Butter und Eier wurden vom Mund abgespart und im sogenannten "Trier-Körvchen" (Körbchen) beiseite gelegt, um damit auf den Markt nach Trier zu pilgern. Die Frauen gingen schon in der halben Nacht über Berg, durch dunkle Wälder und Täler und wieder stundenlang zurück, um vor Anbruch der nächsten Nacht wieder im Ort zu sein, und das oft nur für 1 Pfund Butter und 10 Eier.

So nutzten viele junge Männer die Gelegenheit, im nahe gelegenen Lothringen das große Glück zum Geldverdienen wahrzunehmen. Auch mein Vater war mit 17 Jahren stark und willens genug, die Not von seinem Elternhaus abzuhalten und fand in einer Erzgrube des Industriellen Röchling seinen ersten Arbeitsplatz, wo er bei harter Arbeit gutes Geld verdiente. Die Entfernung nach Algringen war nicht groß, aber es waren mühselige Strapazen, welche die arbeitsamen Nehringer Jungen auf sich nahmen im Pendelverkehr Mehring-Algringen. Zunächst auf Schusters Rappen mit Sack und Pack auf dem Rücken bis Trier, dann mit der Bahn nach Diedenhofen. Von dort wieder per pedes über Berg und Tal, durch unbeleuchtete Ortschaften, stundenlang dem Ort der guten Hoffnung "Algringen" entgegen.

Ein Mehringer Landsmann, etwa 10 Jahre älter als mein Vater, war schon mit seiner Frau, dem "Mantlich Kätt", eine Zeitlang in Algringen ansässig. Neben seinem Bergmannsberuf bot er vielen nachkommenden Mehringern Herberge. Gewissenhaft überwachten die beiden auch das Leben ihrer Schützlinge, so wie sie es den Eltern der jungen Burschen in die Hand versprochen hatten. Diese Familie Mergen hat nach ihrer Ausweisung aus Algringen hier in Eilendorf Fuß gefaßt (Familie Mergen-Hauser). Vor der Ausweisung war ihre Herberge für Mehringer Jungen nach und nach eine stattliche Wirtschaft geworden. Sie wurde zuletzt vom Schwiegersohn betrieben, Franz Hauser und Ehefrau Angela geb. Mergen, kurz "Mergens Engelchen" genannt.

11 Jahre lebte mein Vater bei Mergen. 2 Jahre Militärzeit in Trier bei den 66ern unterbrachen diese Zeit. Durch Strebsamkeit, Fleiß und Sparsamkeit war es ihm möglich, 1893 zu heiraten und einen eigenen Hausstand zu gründen.

Ich lasse meine Mutter zu Wort kommen: "Unsere erste Wohnung war im Kirchshofweg, unsere Einrichtung so bescheiden, wie bei allen anderen unseresgleichen: 1 Tisch, 1 Bank, 2 Stühle, 1 Herd, 1 Geschirrablage, 1 Bett, 1 Kleiderhakenbrett und 1 Wäschekommode (war schon Luxus)"

Meine Eltern sparten eisern, verkauften ihre Weinberge in Mehring und bauten ein Wohn- und Geschäftshaus in der Friedensstraße 26. Dies war ein kühnes Unternehmen, besonders bei dem Kinderreichtum dieser schweren Zeit.

Es kamen hintereinander 8 Kinder:

1894 Tilly (Ottilie)
1895 Matthi ( Matthias)
1896 Jakob
1898 Hanni (als Säugling gestorben)
1900 Eva
1902 Dina (1920 an einem Herzschlag in Eschweiler verstorben)
1904 Hans
1906 Maria ( das war ich als achtes Kind und Schlußlicht)

Trotz enormen Fleißes hatten meine Eltern sich übernommen: Gemischtwarengeschäft, Speisehaus, dazu noch Ackerbau und Viehzucht: 3-4 Kühe, 40 Schweine und Geflügelhof. Es war ein Übermaß an Arbeit zu bewältigen, die z. T. auch von meinen älteren noch schulpflichtigen Geschwistern ausgeführt werden mußte. Nun ja, ein Konkurs war das traurige Ende. Meine Eltern und älteren Geschwister waren nach diesem harten Schicksalsschlag sehr gedemütigt.

Unsere Verwandten hatten es klüger angefaßt. Sie hatten sich zunächst von uns abgewandt. Viel später haben wir uns wieder versöhnt.

Sowohl an den steigenden Wohlstand als auch an den wirtschaftlichen Zusammenbruch unserer Familie habe ich keine klare Erinnerung. Was ich aus dieser Zeit meiner frühen Kindheit weiß, stammt größtenteils vom Erzählen meiner mir wesensgleichsten 12 Jahre älteren Schwester Tilly.

Einige Erinnerungsfetzen aus dieser Zeit möchte ich erzählen. Es war an Pfingsten. Zu dem Konkurs kam noch das Verenden einer Kuh. Sie hatte auf der Weide Karbid gefressen. Die Bergleute reinigten ihre Karbidlampen unvorsichtig. Das Bild von der toten Kuh im oberen Hof und dem Tierarzt, der sich um sie bemühte, steht mir noch vor Augen.

Jetzt folgt ein schönes Erlebnis. Als einmal eine Sau Junge warf, saß ich neben meiner Mutter im Stall. Sie putzte jedes Ferkelchen, das kam, schön ab, und ich durfte dieses eine Zeit lang halten. Das war viel schöner, als leblose Puppen an sich zu drücken.

Noch eine Erinnerung an einen bitteren Tag. Wir hatten ein Bild von der immerwährenden Hilfe der Gottesmutter. Davor knieten wir alle zu später Stunde und flehten um Hilfe in unserer verzweifelten Lage.

Trotz allem verlebte ich eine sonnige Kindheit und wurde als Nesthäkchen von allen verwöhnt. Wie soll ich meine Art, mein Wesen beschreiben. Ich war ein aufgewecktes Kind, in der Schule bei den ersten und kassierte ein Fleißkärtchen nach dem anderen. Die religiöse Erziehung in der Familie, in Schule und Pfarre nahm ich willig an. An der Mutter Hand früh um 7 Uhr zur hl. Messe, um 8 Uhr zur Schule. Sonntags ging es morgens zur Messe und nachmittags zur Vesper, im Mai zur Maiandacht, im Oktober zur Rosenkranzandacht, im November zur Armseelenandacht. In der Weihnachtszeit besuchten wir oft die Krippe in der Kirche. Waren wir zu mehreren Kindern, so wurde an der Krippe gesungen. Auch in der Familie wurden jeden Abend Weihnachtslieder am Tannenbaum gesungen. Der Christbaum war mit Zuckergebäck behangen, und wenn er geplündert wurde, war helle Freude bei uns Kindern. Jeden Samstag wurde in der Beichte die Sündenschuld abgeladen. So wurden wir zu Katholiken geformt. Es soll nicht geschadet haben.

Nachfolgend das Morgengebet meiner Mutter, in der Kindheit abgelauscht und übernommen:

"In der Frühe des anbrechenden Tages erhebe ich mein Gemüt zu dir, mein Herr und mein Gott und danke dir aus dem Innersten meines Herzens für die erquickende Ruhe dieser Nacht. Ich danke dir, daß du mir wiederum einen neuen Tag schenkst, damit ich meiner Bestimmung, die du mir gegeben hast, immer näher komme und durch die Erfüllung deiner heiligen Gebote der ewigen Seligkeit teilhaftig werde. Aus väterlicher Liebe hast du bisher mein Leben erhalten und in allem so gut für mich gesorgt. Erbarme dich weiterhin meiner, erleuchte durch das Licht deiner Gnade mein Gemüt, daß ich den ganzen Tag meinen Erlöser als Vorbild der Liebe, Geduld und Heiligkeit vor Augen habe, daß mein Herz in der Einsamkeit so auch im Gewirre häuslicher Sorgen nur nach dir allein trachte und in dir allein Trost finde. So gehe ich jetzt an meine Arbeit. In deinem heiligen Namen und zu deiner Ehre soll alles geschehen. Amen."

Schöne Erinnerungen habe ich an meine Freizeit und die Schulferien. Unser Spielplatz war die Straße, zum Verstecken, Nachlaufen, für Kreis- und Ballspiele. Eine Freude besonderer Art bescherte uns der nahegelegene Wald mit einer vorgelagerten großen Wiese. Das war unser Kinderparadies. In den Sommerferien spielten wir hier tagsüber bis die Kirchturmuhr 17 Uhr schlug. In unserem Touristengepäck befanden sich: 1 Flasche Natron-Zuckerwasser, Butterbrote (Schmieren genannt), 1 dickes Seil für die Schaukel zwischen 2 Bäumen. Der Strickstrumpf war auch im Gepäck. Auf einer "Pärzdeck" ausgestreckt, beobachteten und zählten wir die Waggons der Seilbahnen, die ihre Erzfracht von den Erzgruben bis an die Hochöfen der großen Hüttenwerke brachten. War das ein Kinderparadies!

Lothringen, mein Heimatland, sei gegrüßt in hellen Weisen.
Von der Saar zum Moselstrand will die Zunge dich nur preisen.
Holde Fülle dich umlacht, Reben grün und Ährenpracht
Grenzt an Höhen, reich an Eisen!

Jetzt möchte ich den Verlauf einer Tauffeier in Algringen schildern. Die Hebamme mit dem Täufling und den Paten fuhren per Landauer zur Kirche. Auf dem Rückweg lief eine große Schar von Kindern hinter der Kutsche her, denn es wurden Kindtaufbonbons geworfen, so wie im Rheinland Kamelle an Karneval. Die Bonbons waren je nach den finanziellen Verhältnissen der Familien mehr oder weniger gute Dragees. Für Hochwürden und Küster gab es ein Spezialdütchen mit Fünfzigpfennig- oder Markstücken gefüllt.

Bei meiner Taufe erhielt ich den Namen Maria Susanna. Als ich für meine Heirat eine Geburtsurkunde vom Standesamt Algringen benötigte, wies diese nur den Vornamen Susanna aus. Es stellte sich heraus, daß mein Vater an meinem Geburtstag zu tief ins Glas geschaut hatte und den Namen Maria nicht angegeben hatte. Das Pfarramt in Algringen konnte klarstellen: Ich war Maria Susanna getauft. Dieser Wirrwarr um meinen Vornamen hat im Laufe der Jahre etwas Ärger gebracht. Die Heiratsurkunde lautet auf Susanna, der Taufschein auf Maria Susanna. Die Krankenkasse führt mich als Maria Susanna. Hier im Altenheim bin ich als Maria eingetragen. Mein Personalausweis ist von mir mit Maria Susanna unterschrieben.

Wie wurde in Algringen Erstkommunion gefeiert. Für meine älteren Geschwister war der Zeitpunkt etwa bei der Schulentlassung mit ca. 13 bis 15 Jahren. Die Mädchen trugen ein langes weißes Kleid mit Schleier, die Jungen waren in schwarz, wie ein Herr mit Hut. Als ich 1917 zur Erstkommunion ging, war manches anders.

Die Frühkommunion war erlaubt. Ich war 11 Jahre, mein Kleid war schwarz. Die Familienfeier war in einem Waldcafe, der Philipsburg.

Das Sakrament der Firmung habe ich am 03. Juni 1918 von Bischof Benzler von Metz, alias Abt von Maria Laach, empfangen.

Gerne erinnere ich mich an meine Schulzeit. Nach 6 Volksschuljahren besuchte ich von 1918 bis zu unserer Ausweisung aus Elsaß-Lothringen 1920 die französische Haushaltschule der Vinzentinerinnen, das Schwesternhaus, wie jeder es nannte. Die Unterrichtssprache war französisch. Ich habe diese Sprache gut erlernt, aber mangels Umgang ist davon nur noch übrig geblieben, daß ich französisch lesen und schreiben , aber wenig sprechen kann. In dieser Schule war ich in allem mit Leib und Seele dabei. Mein Verhältnis zu Gott und zu unserem katholischen Glauben hat hier nicht nur Bereicherung erfahren sondern wirklich Vertiefung. Es war ja nicht mehr Kindheit sondern Jugendzeit. Wie habe ich die Schwestern verehrt, ich verehre sie noch heute! Als wir 1920 ausreisen mussten, war für mich der schwerste Punkt, das Schwesternhaus verlassen zu müssen.

Noch später von Rothe Erde aus habe ich mit den Schwestern korrespondiert. Leider habe ich diese Post mit dem Schwesternhaus nicht aufbewahrt. Als mein Bruder Matthi beerdigt wurde, habe ich das Haus noch einmal aufgesucht, aber die alten Nonnen waren tot. Ich wußte dies, denn ihre Todesanzeigen sind mir nach Aachen zugegangen. Daraus ergab sich, daß die Oberin Soeur Agnes und Soeur Cecile leibliche Schwestern waren und aus portugiesischem Adel stammten, ihr Name war Bores-Gomes. Ehre ihrem Andenken! Die Todesanzeigen liegen bei meinen Papieren.

Zeitweise hatte die Kindergartenschwester mich als Stütze zu sich genommen. Wie stolz war ich, wenn die Kinder auf der Straße mich mit "bonjour mademoiselle" begrüßten!

In Algringen bestand ein blühendes Vereinsleben. Aus vielen deutschen Landschaften hatten sich arbeitswillige, fleißige Menschen hier angesiedelt, vor allem Moselaner und Südeifeler., aber auch Hessen-Nassauer, ein munteres Völkchen. Das Saarland war stark vertreten, aber auch Luxemburg, Sachsen und Oberschlesien. Als Sprache hatte sich aus allen Mundarten ein Kauderwelsch herausgebildet.

Hier einige Spottliedchen:
"Mir sinn Saarbrücker, mir spiele Knicker, mir stemme Pärdswurscht mit einer Hand."
oder:
"Hoch lebe Letzeburg mit dem Städtchen Esch, wenn mir mal kei Geld mer han, bezahle mir mit Blech."

Auch die Hessen hatten ihr Liedchen:
"Bei uns dahaam gits Gaseflasch, die Stücker groß und klan."

Im August 1914 begann der 1. Weltkrieg. Der deutsche Truppenaufmarsch nach Frankreich war enorm. Tag und Nacht waren die Straßen mit Soldaten verstopft, Pferde zogen die Kanonen, Militärkapellen amüsierten uns Kinder sehr. Es folgten Siegesmeldungen Schlag auf Schlag. Im Nachbarort Kneuttingen verlief über einen großen Viadukt die Eisenbahnstrecke nach Frankreich. Dorthin liefen wir Kinder, um die ersten gefangenen Franzosen zu sehen. Frankreich zog 1914 noch mit der rot-blauen Uniform in den Krieg. Wir Kinder gröhlten zu der hohen Brücke hinauf: "Franzos mit der roder Hos un dem blaue Jacke, komm runner, ich schlag dir e paar in de Backe."

Von dem erbitterten Kampf um Verdun drang der Kanonendonner bis zu uns. Auch hatten wir oft französische Luftangriffe, die den Industrieanlagen galten. Wer hätte nach 4 Jahren Menschenmorden und anfänglichem Siegestaumel an den Rückzug einer geschlagenen Deutschen Nation gedacht! Es war bitter für uns, die wir eben damals doch noch große Patrioten waren. Elsaß-Lothringen, von 1871 – 1918 deutsch, wurde 1918 wieder französisch.

Da wir am Anfang des Ortes wohnten, spielte sich vor unserer Haustüre die Besitzergreifung des Ortes durch den 1. französischen Kommandanten ab. Wir wußten bis dahin noch nicht, daß es eine Lothringer – Tracht gab. Eine Trachtengruppe war zu seinem Empfang in Aktion. Für uns deutschstämmige war dies ein wehmütiger Anblick. Wir ahnten, daß wir jetzt Bürger zweiter Klasse würden. Für uns gab es auf die Dauer keine Bleibe mehr. Die besten Stellen wurden von Franzosen aus dem Innern Frankreichs besetzt. Mein Bruder Hans mußte als Deutscher seine Dreherlehre abbrechen.

Ich erinnere mich an ein folgenschweres Ereignis. Der 14. Juli ist in Frankreich Nationalfeiertag und wird feierlich begangen. Schon am Vortag war Algringen, jetzt Algrange, mit der Trikolore oder dem Lothringer Kreuz geflaggt. Doch am Morgen des Feiertages waren viele Fahnen heruntergerissen. In den deutschen Familien mit Söhnen wurden Razzien abgehalten.

Mein Bruder Jakob und seine Freunde setzten sich in der nächsten Nacht über die grüne Grenze in das Trierer Land ab. Von dort zog es sie zu Algringern, die durch ihre Ausweisung im Ruhrgebiet Fuß gefaßt hatten. Er landete in Essen und hat einige Jahre dort bei Krupp gearbeitet.

Wir bekamen noch 2 Jahre Frist, dann erfolgte unsere Ausweisung aus unserer Heimat.

Mein Bruder Matthi wollte und durfte in Algrange bleiben, weil er vor der Heirat stand und seine Braut Armande französischer Abstammung war. Matthi hat uns bis Diedenhofen begleitet. Der Abschied war sehr wehmütig. Über die guten Ermahnungen, welche die Eltern ihm gaben, muß man heute teilweise lächeln. "Mein Jung" sagte der Vater, "ich bin mit 17 Jahren in die Welt gezogen und habe immer meine Religion hochgehalten. Denk auch du immer so, wie ich von jung an". Er sprach von "in die Welt gezogen", dabei war es dasselbe Moseltal, nur etwas südlicher hatte er in Algringen gelebt und gelitten von 1883 bis 1920. Nun ja, das war ja auch in der "guten, alten Zeit".

Aus der Heimat muß ich wandern, aus der Heimat muß ich fliehn,
Schweren Herzens mit den andern, nutzlos war mein innig Flehn.
Weil ich Treue ihm geschworen, meinem deutschen Vaterland,
Hab die Heimat ich verloren, ausgewiesen kurzerhand.
Wer da liebet deutsches Wesen, deutschen Wein und deutschen Sang,
Wessen Eltern deutsch gewesen, allen drohte Wanderzwang.
Was hab weiter ich verbrochen, was hab Böses ich getan?
Ach, ich habe deutsch gesprochen, weil ich welsch nicht sprechen kann.
In die Heimat darf ich nimmermehr zurück.

Scherzhaft:

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er über die Kehler Brück.
Den läßt er ohne Habe reisen
Mit 30 Kilo Handgepäck.

Es war im September 1920, als wir mit militärischer Begleitung von Diedenhofen über Metz, Zabern, Straßburg, bei Kehl über den Rhein nach Offenburg/Deutschland abgeschoben wurden. Der Soldat, der unser Bahnabteil bewachte, war freundlich zu uns. Sein Gewehr hat er bald nach der Abfahrt ins Gepäcknetz gelegt. Er hat sich mit uns unterhalten und sich über meine Französischbrocken amüsiert. Bevor er in Kehl ausstieg, hat er uns alle zum Abschied auf beide Wangen geküßt.

Bei unserer Ankunft in Offenburg war dort Jahrmarkt. Es gab viel zu sehen, und ich erinnere mich daran, daß Männer und Frauen in Schwarzwäldertracht dahergingen. Für einige Zeit wurden wir in einer peinlich sauberen Kaserne untergebracht. Anschließend wurden wir nach Mannheim verfrachtet. Dort lebten wir in einem Barackenlager, das zur Aufnahme der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus Avignon bestimmt war. Wir waren gut untergebracht, alles sehr sauber mit Schwimmbecken und Badeanstalt.

Nach einigen Wochen wurde uns eröffnet, daß eine Ansiedlung im Ruhrgebiet für uns nicht möglich sei. Also mußte jeder zur Selbsthilfe greifen. Schnell entschlossen setzten wir uns nach Eschweiler bei Aachen in Bewegung, wo unsere Verwandten Onkel Pitter und Tant Frenz, ebenfalls aus Elsaß-Lothringen ausgewiesen, bereits Fuß gefaßt hatten. Sie waren schon in Aumetz/Lothringen wohlhabend mit Grundbesitz, der vom deutschen Staat gut entschädigt wurde. So konnten sie in Eschweiler ein großes Grundstück mit Wohnhaus und Restaurant mit Kegelbahn erwerben.

Es war eine Fehlanzeige, daß wir in Aachen vom Roten Kreuz weiter betreut werden sollten. Auf sich allein gestellt, liefen mein Vater und mein Bruder Hans von Behörde zu Behörde und verbrachten die Nacht im Bahnhofswartesaal. Meine Mutter, meine 3 Schwestern und ich wurden in den Liebfrauenhort (Heim für gefährdete Mädchen) in der Wilhelmstraße geschleust. Wir wurden von Fräulein Ehrle, der Fürsorgerin, bestens betreut und mit viel Verständnis für unsere Lage bedacht. Am nächsten Tag konnten wir alle zusammen nach Eschweiler fahren, wo es ein herzlich-wehmütiges Wiedersehen mit unseren Vervandten gab. Tant Frenz war an Gastfreundschaft nicht zu übertreffen. Eine Woche verging, ehe wir unsere Verwandten entlasten konnten. Unsere Eva blieb als Stütze der Tante in Eschweiler. Meine Schwester Tilly kam bei unserer Cousine Lena, die mit ihrem Mann eine Gastwirtschaft in Hehlrath betrieb, als Haushalthilfe unter. Meine Schwester Dina sollte auch kurze Zeit in Eschweiler bleiben.

Mein Vater und mein Bruder Hans fanden durch eine Zeitungsanzeige Arbeit in dem Hüttenwerk Aachen - Rothe Erde. Es herrschte schlimme Wohnungsnot. Die einzig mögliche Unterkunft bot uns eine Wohnbaracke auf dem Hüttengelände, ein ehemaliges Betriebsbüro mit 4 Zimmern und 1 Toilette. Aber wir griffen zu. Eigener Herd ist Goldes wert. In der Baracke standen 1 langer Tisch und 1 lange Bank. Als Speiseschrank diente uns eine schöne Holzkiste, die in Algringen vom Schreiner für die Ausreise angefertigt worden war.

In dem 30kg Handgepäck für jeden von uns sieben hatten wir zum Glück gutes Bettzeug. So kauerten meine Eltern und Hans einige Nächte in den Bettfedern auf dem Boden bis unsere "Villa" mit dem nötigsten Mobilar versehen war. Dann kam Hans mich in Eschweiler abholen. Wir standen am Bahnhof Rothe Erde und staunten über den großen Verkehr. Dann gingen wir zu Fuß durch den Reichsweg, durch die Bahnunterführung zur Zeppelinstraße, die damals Stumpengasse hieß, auf unsere Baracke zu. Unter Tränen schlossen die Eltern uns jammernd in die Arme. Aber wir hatten wieder einen "eigenen Herd". Man kann nicht schildern, durch welches Elend wir hindurch mußten.

Es war alles so gewesen, traurig, aber wahr! Am nächsten Sonntagmorgen überbrachte mein Vetter Peter aus Eschweiler eine ganz schreckliche Nachricht: Meine Schwester Dina war in der Nacht an einem Herzschlag verstorben. Dina war herzleidend und dem Vagabundenleben nicht gewachsen. Wie furchtbar, besonders für meine ohnehin schwer geprüften Eltern! Mein Vater war damals 54 Jahre, meine Mutter 51 Jahre. Meine armen Eltern sind durch ein Martyrium gegangen. "Alles in Gottes Namen".

Zu diesen Zeitpunkt hatten wir das uns zur Verfügung stehende Geld für die notdürftige Einrichtung der Wohnung ausgegeben. Im Restaurant meines Onkels verkehrte der Stadtdirektor von Eschweiler. Durch ihn bekamen wir für die Begräbniskosten einen Vorschuß auf die Entschädigung, die der deutsche Staat uns für unsere in Algringen zurückgelassene Habe leisten mußte. Viele Gäste meiner Verwandten und auch die Nachbarn gaben unserer lieben Dina mit uns das letzte Geleit. Die Tragik um dieses Sterben ist ihnen allen zu Herzen gegangen.

Ein halbes Jahr vor ihrem Tod hat meine Schwester Dina sich in meinem Poesie-Album wie folgt verewigt:

Algringen den 21. März 1920

Die Hoffnung des Lebens wird selten erreicht,
die schäumende Zukunft vernichtet sie leicht,
und haben wir Wünsche an Wünsche gereiht,
verschwinden sie alle im Strome der Zeit,
nur uns bleibt, dem armen Menschen, beschieden
die Ruhe des Herzens, der innere Frieden.

Zum Andenken an Deine
Schwester Dina.

(Das Original liegt bei meinen Papieren.)

Es war eine schwere Trauerzeit. Aber das Leben ging weiter. Wir mußten in der Fremde wieder Fuß fassen. Es gelang uns, wenn auch unser Dasein bescheiden blieb. "Freund, ich bin zufrieden, geh es, wie es will!"

Jetzt komme ich zu meiner Stellensuche. Fräulein Ehrle, die Fürsorgerin aus dem Liebfrauenhort, hatte ihre Hilfe angeboten. Ich, klein aber oho, 14 Jahre alt, ging allein zu Fuß von Rothe Erde zur Wilhelmstraße, mehrmals nach dem Weg fragend. Fräulein Ehrle erreichte am Telefon, daß ich mich am anderen Tag in der Buchhandlung Albert Jacobi & Ciein Aachen, Büchel 15, vorstelIen konnte. Es war für meine Mutter ein unheimlicher Tag. Vater und Hans auf der Hütte. Sie allein in dieser Wohnung, die bei jedem Blick die Tragik unserer Heimatlosigkeit wiederspiegelte. Wohnen in einer Baracke und zudem noch in einem Hüttenwerk. Die 14jährige Tochter lief alein durch eine fremde Stadt, um einen Arbeitsplatz zu finden. Vor einigen Tagen in der Fremde eine 18jährige Tochter zu Grabe getragen. Es war schrecklich und unheimlich schwer.

An diesem Abend waren alle erlöst, als wir wieder zusammen waren. Wir saßen auf der langen Bank an dem langen Tisch, die der liebe Gott uns gratis in unseren Barackeraum gestellt hatte und hielten Familienrat über meine Vorstellung am nächsten Tag.

Ich fuhr mit der Straßenbahn bis Elisenbrunnen, dann wurde der Büchel gesucht. Als ich vor dem Haus Nr. 15 stand, habe ich Gott und alle Heiligen um Beistand angerufen. Das Haus war ein Patrizierhaus, dessen Schönheit ich erst später zu verstehen gelernt habe. 0, was ein großer Bücherladen mit 4 Schaufenstern! Vom Hauseingang in der Mitte waren zu beiden Seiten Ladeneingänge. Ein älterer feiner Herr kam aus der einen Türe heraus und ging an der anderen Seite wieder hinein. Ob er wieder zurückgeht? So war es. Ja, dann mußte ich zum Kampf antreten. Ich sprach ihn an und trug mein Anliegen vor, wahrscheinlich einfach und ungeschickt, ich war ja erst 14 Jahre alt. Es war Herr Jacobi, der Buchhändler. Als er mich die Treppen hinauf über mit Läufer belegte Stufen führte, war ich in Verlegenheit! Er ging über die Läufer, also tat ich es auch. Es darf laut gelacht werden! Nun, ich sollte ja mein Leben erzählen. So ist alles gelaufen, wie es mein Geschreibsel aussagt.

Also ihr wißt, wo ich herkomme, was ich war, was aus mir geworden ist und Ihr aus mir. Wir betraten einen schönen Salon, der erst in späteren Zeiten meine Bewunderung erfahren hat. Auffallend für mich war eine Harfe, die ich in dem Zimmer erblickte. Herr Jacobi unterhielt sich etwas mit mir und o Glück, ich wurde zum 1. November 1920 in die Lehre genommen. Mir hüpfte das Herz im Leib vor Freude. Ich sollte also den Beruf einer Buchhandlungsgehilfin erlernen mit 60,-- Mk Gehalt im Monat und bei Zufriedenheit noch etwas mehr. Ich muß doch wohl einen guten Eindruck gemacht haben, ich armselig Mädchen aus Algringen.

Die erforderliche Liebe zu diesem Beruf hatte ich mitgebracht. Schon in der Kindheit liebte ich Bücher, sammelte Drucksachen, Prospekte, Zeitschriften und Gedichte. Ich habe mich von vornherein bei Jacobi wohlgefühlt. Ich bewies eine gute Auffassung, habe mich persönlich gebildet und meinen Horizont erweitert. Wenn auch Herr Jacobi der Chef des Hauses war, so führten doch 2 gelernte Kräfte, Fräulein Jolie und Fräulein Berretz das Geschäft. Beide nahmen sich liebevoll meiner an. Sie nannten mich "Miezchen". Offiziell war ich die Maria, und Herr Jacobi sprach von seinem Lehrfräulein, so vornehm drückte man sich damals aus. Wertvoll war, daß Fräulein Jolie mich als Lehrmeisterin in ihre Obhut nahm. Sie war sehr intelligent und von großer Herzensbildung. Ihre Ausstrahlung, auch als guter religiöser Mensch, habe ich mir zu Nutzen gemacht. Heute noch, sie ist schon über 90 Jahre alt, sind wir uns herzlich zugetan. Ich bin immer noch ihr "Miezchen". 9 Jahre habe ich bei Jacobi gearbeitet, wertvolle Jahre, die ich nicht missen wollte. Ein "Sich ganz zur Verfügung stellen" lag in Müllers Blut. Begabung und Intelligenz, meine ich, war auch genügend gegeben. Die bitteren Erfahrungen der schweren Zeit, das Hineinwachsen in eine andere Welt, haben mich erwachsen werden lassen. Nebenbei erwähnt, ich verdiente auch schon ein wenig Geld, denn ohne Monnaie geht ja nichts. Diese meine Buchhandlungszeit gehört zu meinem bewußt gewählten Titel "Wie der Herr so gut gewesen!"

Meinen lieben Eltern hatte meine Entwicklung auch einiges Glücks gefühl vermittelt. Ich war daheim immer ein guter Erzähler, das war für meine geschlagenen Eltern Balsam. Man kann auch sagen, daß unser Alltag in der Barackenwohnung mit und mit etwas mehr Qualität bekam.

Ich bin es meinem Bruder Hans schuldig, daß ich die herzliche Geschwisterliebe, die mich schon von Algringen her mit ihm verbunden hatte, erwähne. Er hat erst mit 18 Jahren sein Algringer Hänschen abgelegt und war auf einmal "Hans" geworden. Auch in späteren Jahren, als mein Hermann Soldat und in Gefangenschaft war, hatte Hans unserer Mutter und mir oft helfend zur Seite gestanden. So schleppte er z.B. Karre um Karre Holz heran, damit wir eine gemütliche, warme Wohnung hatten. Er ist allzu früh nach einer Operation an einer Embolie gestorben. Herr, gib ihm die ewige Ruhe. Ehre seinem Andenken.

1923 kam unser Jakob nach 3jähriger Trennung in sein Elternhaus zurück, das jetzt in Rothe Erde stand. Hier fand er Arbeit im Feinwalzwerk der Hüttengesellschaft. Meine beiden Brüder haben mir damals viel Zuwendung zuteil werden lassen. Kino- und Theaterbesuche, Kahnfahrten auf dem Hangeweiher usw.

Mit der Buchhandlung Jacobi war auch verbunden, daß ich die Ehefrau von Hermann Gehlen wurde und eine glückliche Familie gründen konnte. Die Gattin von Herrn Jacobi stammte von einem Gut mit Branntweinbrennerei, "Gut Rott" in der Rottstraße in Rothe Erde. Ihre Schwester, Fräulein Körfer, war in der Pfarre St. Barbara Jugendleiterin. Sie vermittelte mir einen guten Umgang, Johanna Vossen aus der Hüttenstraße. Sie wurde meine Freundin. Durch sie lernte ich Hermann kennen.

Nun folgt in großen Lettern die Romanze: "Hermann und Maria!" Johanna Vossen nahm mich mit zum Sommerfest der ATG (Aachener Turngemeinde). Es fand im großen Garten der Metzgerei Bücken statt. Die Plätze waren laubenartig angelegt. In jeder Laube standen sich 2 große Bänke gegenüber. Es war gute Stimmung. Diese steigerte sich enorm, als am Abend 8 junge Männer erschienen: das bekannte Doppelquartett des Hüttengesangvereins. Das war ein Futter für die heiratslustigen Rothe-Erder Mädchen! Der stimmungsvolle Gesang der jungen Männer krönte den schönen Sonntagabend. Es war so die Elite von Rothe Erde, die an dem Fest teilnahm. Es ergab sich, daß einer der Sänger, eben der Hermann Gehlen, in unserer Laube Platz fand und just mir gegenüber Platz nahm. Es war nicht zu übersehen, daß er mich immer beobachtete, und er versuchte auch zu plaudern. Jetzt stellte sich jemand so, daß wir uns nicht mehr sahen, worauf ich sagte: "Sie verdecken mir mein holdes Gegenüber, das ist nicht schön!" Das hatte den Hermann munter gemacht, er plauderte angeregter und wollte mich auch nach Hause bringen. Doch das jagte mir einen Schreck ein, au wei, diese Barackenwohnung! So recht und schlecht schilderte ich ihm unser Schicksal. Er hörte sich alles scheinbar verständnisvoll an, denn sein Kommentar war: "Ich habe doch gleich erfaßt, daß Sie, Fräulein Müller, etwas Besonderes sind. Sie sind noch jung, erst 18 Jahre, dann bin ich 7 Jahre älter, nämlich 25 Jahre." Daß ich etwas Besonderes sein sollte, gab mir Auftrieb und ich sagte: "Kommen Sie mit , dann stelle ich Ihnen meine Eltern vor." Außer meinen Eltern waren auch Jakob und Hans da. Es ist verständlich, daß der Gesprächsstoff nur unsere Heimatlosigkeit war.

Eine Verabredung für den nächsten Sonntag zu einem Waldspaziergang hatte Herr Gehlen mir schon auf dem Heimweg abgerungen. Treffpunkt am Hütteneingang, Kontrolle 3, in der Stumpengasse. Herr Gehlen erschien mit "Hott, Steck en Ring", und wir machten einen Streifzug durch den Aachener Wald bis zum Pelzerturm. Die Höhe des Pelzerturns bot uns eine herrliche weite Sicht. (Der Pelzerturm ist beim Kampf um Aachen zerstört worden). Dort im Pelzerturm haben wir uns gefunden und gegenseitig unsere Liebe gestanden. Damals sagte man, wir sind ein Liebespaar geworden . Hermann war mit einer großen Herzensgüte ausgestattet. Das habe ich sehr geschätzt, und er verehrte mich sehr. Damals sprach man in solcher Lage von "Verehrer". Unser Zusammenfinden war von Anfang an von Zuneigung, Harmonie und Treue geprägt, so daß wir uns schnell einander versprochen haben.

Von Johanna hörte ich, daß die Heiratslustigen vom Sommerfest der ATG sich bestürzt äußerten: "Der Hermann Gehlen, der sich nie nach einem Mädchen umgesehen hat, nimmt sich im Handumdrehen so ein fremdes Mädchen, das ja auch noch auf der Hütte in einer Baracke wohnt!"

Ja, ja, sonderbar, wo die Liebe hinfällt! Ich war Hermann’s erste Liebe und er auch die meine. Vorher hatte ich zwar einige Verehrer, bei denen es aber nicht über eine Freundschaft hinausgegangen ist.

Da war Toni Bollenrath, der Försterssohn aus Mehring, den ich während meiner Urlaube bei meiner Tante in Mehring kennenlernte. Für eine Zeitlang entstand eine Korrespondenz. Die Post für ihn ging an Julie Reiss, eine Mehringer Bekannte, die für mich an Fräulein Jolie. Wir mußten vor den Eltern ja Anstand bewahren, da wir doch erst 15 Jahre jung waren. Ein weiterer Verehrer war Peter Eschweiler aus Hehlrath, der in einer Eisenbahnwerkstatt in Köln beschäftigt war. Ihn hatte ich auf dem Tanzsaal meiner Cousine Lena in Hehlrath kennengelernt. Ebenfalls Jean Offergeld, der bei der Stadt Eschweiler auf dem Amt war.

Aber das war keine Liebe, die war auf meinen Hermann gefallen. Er war und blieb der Mann meines Herzens. Daß Hermann außergewöhnlich sympathisch war, sagte der Ausspruch seines väterlichen Freundes, Fritz Gallas, nach seinem Tod: "Hermann hatte viele Freunde, aber keinen Feind!"

Meine beiden Brüder Jakob und Hans hatte Hermann bald in Kirchenchor und Forster Männergesangverein eingeführt. Das war eine schöne Sache.

Es wurde Weihnachten 1924. Das sollte der Zeitpunkt sein, in die Familie Gehlen eingeführt zu werden. An einem Adventsonntag nach der Messe hatte die Mutter Gehlen eine Einladung ausgesprochen. Es war am ersten Weihnachtstag, als ich mit Hermann Hüttenstr. 84 ansteuerte. Die gesamte Gehlens-Mannschaft war anwesend. Ich kannte zwar schon jeden, aber ich war doch sehr erfreut, von jetzt an in Hermann’s Familie verkehren zu können. Als Geschenk für mich war ein Kaffeeservice liebevoll aufgestellt. Das Elternhaus Gehlen strahlte Gemütlichkeit und Harmonie aus. Der Tag verlief schön in jeder Weise. Aber am Abend wurde es für mich heikel. Ich sollte, wie jeder andere, ein Lied singen. Sie waren alle stimmbegabt, aber zum Alleinsingen hatte ich noch nie den Mut aufgebracht. Ich einigte mich mit Ihnen auf das Vortragen eines Gedichtes. Ich habe dieses Verslein noch z. T. im Kopf:

In der Fremde.
Ich möchte still nach Hause gehen
und nimmer wieder fort.
Mein Kinderstübchen wiedersehen
und manchen lieben Ort.
In meines Vaters Garten
wie einst den Lenz erwarten.
O wär, o wär ich dort.

Trotz des wehmütigen Gedichtes waren Hermann und ich in Hochstimmung. Es war rundum eine frohe Weihnacht!

Was hatte ich viel gejammert und geklagt, ich Schwarzseher und Melancholiker. Wie sollte ich junger Mensch das nicht werden, nach all dem Geschehenen.

Ja, ja, du wanderst immer zu weit, Seelchen laß dich mahnen. Auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai! Manchmal kommt sogar das Glück zu Hauf.

1925 hatte das Hüttenwerk für uns endlich eine gute Wohnung: Hüttenstr. 176. Die Entschädigung für unseren in Algringen zurückgelassenen Besitz kam sehr gelegen zum Einrichten der Wohnung. Nach der schweren Einführungsphase in Rothe Erde hatte diese neue Wohnung die Müllers viel glücklicher gemacht. Sie konnten jetzt mit den anderen Leuten Schritt halten. Die Verbindung mit Hermann und seiner, ich kann wohl sagen angesehenen Familie hatte uns alle noch besser eingeführt. Ein Plus für uns war auch, daß wir zu jenen gehörten, die das Kirchlein bevölkerten. Damals stand es noch hoch im Kurs, wenn man mit Gott und der Kirche lebte. Wir waren noch nicht lange in Aachen, als mein Vater sich im Pfarramt vorstellte. Er sagte schlicht und einfach: "Man muß sich doch beim Pastor anmelden." Meine Eltern, ich aber auch, haben uns einmal in die Religion eingeübt und sie dann nie mehr vergessen. (Pestalozzi: Gottvergessenheit ist das größte Unglück der Welt.)

Wie kindlich meines Vaters Glauben war, sagte sein Morgengebet aus: "O Jesulein sieß, behite, beschitze und fiehre mich zum ewigen Leben Amen." (Die Moselaner sprechen das ü wie i aus)

Jetzt möchte ich etwas näher auf die Familie Gehlen eingehen. Zwischen unseren beiden Familien bestand eine gewisse Parallele bezüglich der Umsiedlung. Wie die Müllers vom Mehringer Moselland nach Algringen, so kamen die Gehlens von der Eifel, welche ebenfalls als ein Armenhaus Deutschlands galt, nach Aachen, bedingt durch die Industrialisierung. Mein Schwiegervater Josef Gehlen wurde am 06. Februar 1868 in Höfen bei Monschau und meine Schwiegermutter Josefine Gehlen geb. Voell am 22. Februar 1874 in Mützenich bei Monschau geboren. Die Schwieger- mutter wuchs in Monschau auf, wo ihr Vater eine Fuhrmannskneipe mit Pferdetränke führte. Mein Schwiegervater, ich nenne die beiden fortan Opa und Oma Gehlen, war als junger intelligenter Bursche auf dem Landratsamt in Monschau beschäftigt. Gerne hätte er dort eine Beamtenlaufbahn eingeschlagen, wäre nicht für diese Ausbildung ein Lehrgeld zu zahlen gewesen. Das war für seine Eltern nicht möglich. So nutzte auch er, wie viele Höfener Jungen, die Gelegenheit, im Hüttenwerk Aachen Rothe Erde das "große Geld" zu verdienen. Man kann bei ihm von einer guten Fügung sprechen. Er begann als Lagerarbeiter. Später wurde er Leiter eines Betriebsbüros. Bei Schließung der Hütte bekam er eine Stelle beim Wohlfahrtsamt der Stadt Aachen, heute Sozialamt. Außerdem war er Stadtverordneter der Zentrumspartei.

Am 12. Oktober 1895 heirateten meine Schwiegereltern in St. Josef.

Es kamen hintereinander 10 Kinder:

1896 Paul
1897 Willi (im 1. Weltkrieg 1917 gefallen)
1899 Hermann
1900 Luise (1901 verstorben)
1901 Maria
1904 Elisabeth ( 1905 verstorben)
1905 Josef ( im 2. Weltkrieg vermißt)
1908 Adolf
1911 Max (im 2. Weltkrieg 1944 gefallen)
1913 Leni

Jetzt schreibe ich über jeden von Hermann’s Geschwistern etwas, so wie ich es beim Kennenlernen empfunden habe. Paul war verheiratet mit der Nachbarstochter Maria Frings. Sie haben anfangs etwas hochnäsig auf mich herabgeschaut. Ich weiß aber auch, daß ich sie davon überzeugt habe, daß ich auch "jemand" war. Das haben beide mir später einmal in einem Gespräch bestätigt. Mit Maria habe ich mich immer gut verstanden. Sie hatte keinen Beruf erlernt, da sie in dem großen Haushalt Stütze der Mutter war. Die 3 jüngeren Brüder Josef, Adolf und Max waren flotte Burschen. Ich fand, daß Max der nobelste in der Haltung war. Leni war ein kluges und liebes Schulmädchen. Alle Gehlens-Kinder sind von guter Vorsehung in gute Lebenssituationen gekommen und lebenstüchtig geworden.

Leider hat der 2. Weltkrieg 3 Söhne dahingerafft: Josef, Max und Hermann, der an einem Kriegsleiden verstarb. Die Eltern haben dies gottlob nicht mehr erleben müssen. Die Oma Gehlen starb bereits 1935 mit nur 61 Jahren, an ihrem 40. Hochzeitstag, der Opa 1940 im Alter von 72 Jahren.

Es war für mich ein Gewinn, die Familie Gehlen als gute, liebe Bekannte zu haben. Der freundliche Opa war das liebe Oberhaupt der Familie. Die Oma waltete ihres Amtes als Ehefrau, Mutter und Hausfrau in jeder Weise vorbildlich. Sie hatte Sinn für alles Schöne, besuchte gern Theater und Konzerte. Ihr Haus strahlte Behaglichkeit aus, und sie war sehr gastfeundschaftlich. Oft war Verwandtschaft zu Besuch. Onkel Johann und Tante Annchen waren Bruder und Schwester meiner Schwiegerelten. Tante Annchen war auch Hermann’s Patin. Opa hatte mehrere Schwestern in Aachen, die alle Ehepartner aus Höfen hatten. Omas Schwester, Tante Maria, aus der Kurfürstenstraße, mit ihrem Mann, dem Onkel Wilhelm, waren oft zu Besuch. Sie hatte ihren Mann in Monschau kennengelernt, als dieser mit seinem Bauunternehmen die Seidenfabrik in Monschau gebaut hatte. Gute Erinnerungen habe ich auch an Onkel Paul aus Rheydt, ein Bruder von Oma. Er war ein Spalßvogel von Format.

Unsere Brautzeit dauerte 5 Jahre. Früher mußte fürs Heiraten eisern gespart werden. Ich stellte mir selbst hohe Ansprüche beim Beschaffen der Aussteuer. Hermann hatte nach der Stillegung der Hütte 1926 zunächst bei der Eisengroßhandlung Fendel in Köln eine Stelle gefunden. Später wurde er bei der Verkaufsgesellschaft des Eschweiler Bergwerksvereins in Aachen als Lagerverwalter angestellt. Diese Stelle war sicher und wir konnten heiraten. Am 18. September 1929 war unser Hochzeitstag:" Ein Aufbruch zu neuen Ufern!" Getraut hat uns Pfarrer Nix in St. Barbara. Er stammte ebenfalls aus Höfen und war ein Freund der Familie Gehlen. Die häusliche Hochzeitsfeier im Kreise der Familie verlief schön. Besonderen Spaß machte eine "Darbietung" von Tant’ Frenz aus Eschweiler. Dickleibig, wie sie war, kletterte sie unbeholfen auf einen Stuhl und wieder herunter und sagte dabei: "Die Sonne geht im Osten auf und im Westen unter, ich steige auf den Stuhl hinauf und auch wieder herunter!" Großes Gelächter. Die Gehlens waren amüsiert, gemischt mit etwas Ironie. Ehrlich gesagt, meine Verwandtschaft machte in etwa vielleicht einen einfacheren Eindruck als die andere Seite.

Unsere erste Wohnung war im Hause Mennicken, Hüttenstr. 119. Es war eine schön eingerichtete 3-Zimmerwohnung. Zu dieser Zeit war es selbstverständlich, daß ein Mädchen nach der Heirat den Beruf aufgab, um sich dem Hausstand zu widmen. Ich wurde sofort ein Hausmütterchen und pflegte mit Lust und Liebe die schöne Wohnung. Das war herrlich. Schon damals war mein Heim meine Burg. Wenn Hermann zur Chorprobe oder zum Billardspiel ging, streckte ich mich gemütlich zum Lesen aufs Sofa oder habe mit mir selbst geklönt.

Am 30. Oktober 1930 kam unser erstes Kind, Hans-Josef, zur Welt, in eine reichlich und liebevoll zusammengesparte Aussteuer hineingelegt und immer und überall umsorgt. Das Kinderkriegen war bei mir nie schwer. Nach 2 Jahren, am 06. Dezember 1932, stellte sich ein Mädchen, Josefine, (heute kurz Fine genannt) ein. Es war ein dickes Pummelchen mit weißen Härchen. Schon bald nach der Entlas- sung aus dem Marianneninstitut, so hieß die Entbindungsanstalt in der Jakobstraße, hatte das Baby von Hans-Josef Keuchhusten gefangen. Das war sehr traurig für uns. Keuchhusten war damals eine schlimme Kinderkrankheit. Die Hustenanfälle in der Nacht waren recht unheimlich, so schlimm, daß ich jedes Mal inbrünstig betete. Auch Hermann sprang bei jedem Hustenanfall aus dem Bett und stand besorgt an der Wiege bis es wieder mal vorüber war. Trotzdem gedieh das Kind prächtig. Also auch hier: "Wie der Herr so gut gewesen!"

Unsere ersten Ehejahre waren eine schöne Zeit. Wir waren glücklich miteinander und stolz auf unser Pärchen Hans-Josef und Josefine. Gerne erinnere ich mich an unsere herzliche Beziehung zu Hermann’s Schwester Maria und ihrem Mann Reiner Küppers. Reiner und Hermann waren gute Freunde. Auch wir Frauen verstanden uns gut und ergänzten uns gegenseitig. Ich denke an die schönen Besuche und die Gegenbesuche bei Maria in der Haarener Straße in der Stadt. Am Nachmittag gingen wir Mütter mit Kind und Kegel Kaffeeklatsch halten, und die Papas holten uns am Abend ab. Ich muß über die feine Persönlichkeit von Schwager und Onkel Reiner schreiben, oder noch besser, seine Persönlichkeit "beleuchten".

Er war ein besonders feiner Mann, nicht nur, daß er etwas darstellte, er vereinigte in sich Herzensbildung, Freundlichkeit, Klugheit und weiterhin nur Gutes. Im Weltkrieg 1914/18 hatte er ein Bein verloren (fürs Vaterland!!). In Delmenhorst, wohin die Familie Küppers evakuiert worden war, ist Reiner 1945 an einer Venenentzündung gestorben. Herr, gib ihm die ewige Ruhe! Ehre seinem Andenken!

Durch Hitler’s Machtgier begann am 01. September 1939 der zweite Weltkrieg. Hermann mußte von Anfang an bis zum bitteren Ende in russischer Gefangenschaft in Sibirien mit Kopf und Kragen für den unsinnigen Krieg herhalten. Als kranker Mann kehrte er im August 1947 heim. In der schweren Kriegszeit war ich allein mit den Kindern. Ein großer Trost waren für mich meine lieben Eltern, die immer und überall für uns da waren. Allerdings starb mein Vater am 29. Juli 1940 an einer doppelseitigen Lungenentzündung und einem Gehirnschlag. Es waren schlimme Jahre, geprägt von der Angst um Hermann. Die Nächte verbrachten wir im Luftschutzkeller. Als dies zu gefährlich wurde, zogen wir bei Fliegeralarm in den Bunker, jahrelang! Wie konnte man so etwas aushalten? Kleine Lichtblicke waren Hermann’s Heimaturlaube. So war er bei uns, als Josefine am 31. März 1940 zur Erstkommunion ging. Allerdings erhielt er den Urlaub deswegen, weil ich kurz vorher mit einer Fehlgeburt im Forster Krankenhaus lag. Hermann’s letzter Urlaub war im Januar/Februar 1944. Wieder einmal mußte Abschied genommen werden. Dann kam zu allem Schweren noch eine ganz große Not, ich erwartete ein Kindchen. Meine liebe, gute Mutter mußte auch diese Not mit mir tragen.

Wir ahnten schon lange, daß der Krieg kein gutes Ende nehmen würde. Im September 1944 wurde die Stadt Aachen evakuiert. Wir entschlossen uns, bestärkt durch unseren Pastor, Herrn Dechant Brandenburg, den Kampf um Aachen abzuwarten und blieben hier, komme was mag! 5 Wochen verbrachten wir Tag und Nacht im Bunker. Am 21. Oktober 1944 fiel Aachen als erste große deutsche Stadt. Was sollte aus meiner Niederkunft werden?

"Hilf Maria, es ist Zeit!" Durch meine Schwägerin Elli, die Frau von Hermann’s Bruder Max, kam ein Rettungsanker. Frau Ella Offermanns geb. Hakens von der Hüls bot Hilfe an und zwar Obdach in ihrem Haus Severinstr. 24. Neben ihr wohnte die Hebamme Frau Wilden. Wieder einmal "Wie der Herr so gut gewesen." Am Abend des 29. Oktober 1944 setzten die Wehen ein. Ein amerikanischer Soldat, der sich immer am Bunker aufhielt, Pit genannt, und von Hans-Josef darum gebeten, brachte mich in seinem Jeep zum Hause Offermanns, Severinstraße. Es war eine stürmische Nacht, Allerheiligenwetter. Die zwei Laumens Brüder setzten sich zu beiden Seiten der Tragbahre, um Balance zu halten. Als wir ankamen, das weiß ich noch genau, sagte die alte Frau Hakens: "Kommen sie rein, genau wie die Gottesmutter bei der Herbergssuche". Alle Anwesenden beteten laut mit mir. Bei schlechten Sichtverhältnissen, (in den Häusern bestand strenge Verdunkelungspflicht) merkten die Soldaten nicht, daß beim Hinauftragen der Liege mein Kopf nach unten war, und ich deutete an, daß ich zu Fuß gehen möchte. Als sie dann sahen, was mit mir los war, waren es keine rauhen Krieger mehr. Sie drückten und umarmten mich und sagten o Maser (mother). Dem sogenannten Pit deutete ich an:" Mei Maser (my mother) im Bunker, hol sie doch." Er verstand mich, aber o Glück im Winkel! Hans-Josef hatte dafür noch einen anderen Soldaten mobil gemacht und führte diesen mit der Oma ins Haus. Zufall ist das Pseudonym Gottes, wenn er nicht selbst unterschreiben will! Hier in dem fremden Zimmer waren wir vereint, ich, die ich hier entbinden sollte, die treue, gute Oma, auch Frau Wilden war herbeigeeilt. In der frühen Nacht, also am 30. Oktober 1944, kam unser drittes Kind, Monika, während eines deutschen Luftangriffes auf die amerikanischen Stellungen und dem Bollern der Fliegerabwehrgeschütze zur Welt. Das Kind war geboren, und wieder zeigte sich: "Wie der Herr so gut gewesen!"

Eben habe ich mich erinnert und das vergesse ich nie, daß das Kind die ganze Nacht hindurch wimmerte. Heute nach 45 Jahren fällt mir ein, daß diese wilde Schießerei das Kind laufend erschreckt hat, schlimm genug, wenn es so war. Das Wochenbett habe ich gern bei Offermanns verbracht. Das Bett war doch besser als die Pritschen im Bunker.

Unsere Wohnung in der Hüttenstr.172, in der Nähe des Bunkers, war durch eine gegenüber niedergegangene Luftmine zerstört. Aber in den Trümmern konnte gekocht werden und das besorgte unsere liebe, gute Oma bestens. Hans-Josef beschaffte das Brennholz, davon gab es genug in den Trümmern. In den Gärten durfte geerntet und Kaninchen geschlachtet werden. Auf den Weiden freuten sich Kühe und Schafe, wenn sie gemolken wurden. Die Kinder Hans-Josef und Josefine kamen über den Juch und brachten mir Essen und die Babywäsche hin und her. Am 03. November 1944 hatte Herr Dechant Brandenburg Monika getauft und zwar im Wohnzimmer von Familie Offermanns, das als Notkapelle galt. Paten waren Hans-Josef und Josefine. Meine Schwägerin Leni hatte zum Taufkaffee eine Linzertorte gebacken. Leni hatte uns auch nach unserer Ausbombung bei sich 2 Zimmer zur Verfügung gestellt.

Eines Tages hatte die barmherzige Schwester Sibylla vom Franziskuskloster in Eilendorf mich in einem stark ramponierten Rollstuhl nach Rothe Erde gebracht. Josefine fuhr das Kind in einem organisierten Kinderwagen neben uns her. In der Josefstraße war es wegen Granateneinschlags brenzlig gewesen. Die Deutschen waren es von Verlautenheide her. Von Schwester Sibylla angeführt beteten wir laut. Im Hauseingang Hüttenstr. 84 bei Tante Leni empfing uns Hans-Josef, so dreckig, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Nun ja, nach 2 Monaten Bunkerleben!

Ich konnte Monika stillen, und da war eine gute Fügung, denn das brauchte sie auch. Sie gedieh normal. Sie hatte mancherlei Gebrechen, wie schlechte Füße, keine gerade Haltung, aber ihr Gesichtchen war schön. Nach und nach kehrten alle Familien aus dem Bunker in ihre Wohnungen zurück.

Doch die Kriegsangst war keineswegs gebannt. Hitler holte am 16. Dezember 1944 zur Ardennenoffensive aus. Unser Anliegen: "Wenn nur die Deutschen nicht wiederkommen!" Hitler hätte uns alle, die wir uns unter amerikanischen Schutz gestellt hatten, kurzerhand an die Wand gestellt. Diese Drohung war durch Flugblätter publik gemacht worden. Gott sei Dank scheiterte die Ardennenoffensive (Rundstedt-Offensive).

Beim Rückzug der deutschen Armee kam eines Tages der Truppenteil von Max Gehlen durch Rothe Erde. Einer der geschlagenen Krieger kannte genau seine Heimatanschrift: Aachen-Eilendorf, Haarener Str. 4 III. Grausiges wußte er zu berichten:" Auf dem Rückzug wurde Max am 10. August 1944 ganz nahe seiner Heimatstadt von einer Granate getötet. Die Kameraden hätten den Leichnam mit in die Heimat genommen, wenn er nicht so sehr zerschmettert gewesen wäre. Furchtbar, furchtbar! Nie wieder Krieg! Vorerst blieb diese Horrornachricht Tante Leni’s und mein Geheimnis. Nur diese Schreckensnachricht einstweilen von Tante Elli fernhalten!

Nach Kriegsende kamen nach und nach die Rothe Erder aus der Evakuierung zurück. So auch Frau Maria Kattwinkel aus der Gastwirtschaft. Sie war als Flüchtling an denselben Ort verschlagen worden wie Elli’s Schwägerin, Frau Josef Keutgen geb. Käthe Hansen. Frau Keutgen hatte die amtliche Nachricht erhalten, daß Max "auf dem Felde der Ehre für sein Vaterland" gefallen war! Fürs Vaterland den letzten Tropfen Blut! Leni und ich hatten nun den Auftrag, mit der tieftraurigen Tatasachennachricht vor Elli hinzutreten. Jetzt noch muß ich Elli’s tiefgläubige Haltung hochpreisen. Mit zum Gebet erhobenen Händen flehte sie: "Herr, gib ihm die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihm, laß ihn ruhen in Frieden!" Sie war ja frommer Eltern ältestes von 8 Kindern.

Am 08. Mai 1945 war der unheilvolle Krieg zu Ende. Gott sei Dank, wir konnten wieder in Ruhe leben! Heißersehnter Frieden! Nie wieder Krieg! Ein Hoch den Kriegsdienstverweigern und jeder Friedensbewegung! Nur der Gedanke an Hermann quälte unheimlich. Wo ist er? Lebt er noch? Um unsere Ernährung war es schlecht bestellt. Es war eben eine Lebensmittelkartenwirtschaft mit großem Mangel. So schlitterten wir in die Hamsterzeit hinein.

Mit großen Lettern muß ich für diese Zeit den Namen "Luise Soiron" festhalten. Ohne sie als Lotse und Stütze hätte ich das strapaziöse Hamstern nicht hinbekommen. Unser "Jagdrevier" war die Gegend um Düren, Zülpich und Euskirchen. Unsere Tauschobjekte beim Hamstern waren z. B. Seife aus Friedenszeiten, wie ein Kleinod aufbewahrt, ein Deckchen aus vergangener Herrlichkeit, Schuhcreme, eine schöne Schürze. Ab und zu bekamen die Kinder in der Schule einen Riegel Schokolade. Dafür bekam ich einmal eine Speckschwarte. Ja, Luise Soiron ist einer der besten Menschen, die mir im Leben begegnet sind. Wir waren wirklich gute Freunde, obgleich wir uns noch gar nicht lange duzen, wahrscheinlich aus einem gegenseitigen Gefühl der Hochachtung. Wir haben uns Freud und Leid anvertraut. Es war allerdings keine Kaffeeklatschfreundschaft. Das lag wohl an mir, denn sie hatte einige solcher Kaffeekränzchen. Ich war doch immer so gern daheim, daheim in meiner stillen Klause. Sie war Stadthelfer, Mitglied einer vom OB eingesetzten Selstschutzgemeinschaft, und waltete ihres Amtes in vorbildlicher Weise, "Helfen und nochmals helfen". Eine Frau, der das Bundesverdienstkreuz zustände. Für Hans-Josef hatte sie einen dringend benötigten warmen Wintermantel besorgt. Auch half sie z.B. Hans-Josef, als dieser kurz nach dem Krieg eine Zeitlang Küster in St. Barbara war, eine Ladung Kerzen für die Altäre vom Kaufhof zu Fuß durch die schlechten Straßen nach Rothe Erde zu schleppen. Es tut mir weh, daß auch bei Luise die Kräfte schwinden. Sie hat schon einen Herzschrittmacher und neuerdings auch ein schmerzhaftes Hüftleiden.

Im Winter 1945/46 hatten die Höheren Schulen den Unterricht wieder aufgenommen, ohne einheitliche Bücher, Hefte und Schreibutensilien. Jeder benutzte vorhandene Bücher oder solche, die er auftreiben konnte. Von Onkel Adolf, der bei der Industrie- und Handelskammer beschäftigt war, bekamen die Kinder ausrangierte einseitig bedruckte Schriften und Blätter, die zu Schulheften zusammengenäht wurden. Die beiden mußten in Wind und Wetter zu Fuß zur Schule in die Stadt hinein gehen. Hans-Josef besuchte das Kaiser Karls Gymnasium und Fine kurze Zeit die Realschule und dann das Mädchengymnasium St. Leonhard. Hans-Josef tut mir heute noch leid, wenn er mit Militärstiefel, die ihm zu groß waren, den beschwerlichen Weg durch die schlechten Straßen machte.

Am 03. April 1946 kam ein erstes Lebenszeichen von Hermann. Es war eine Postkarte vom russischen Roten Kreuz, von Hermann handgeschrieben. Es kamen bis zu seiner Entlassung insgesamt 6 Karten. (Fine hält sie aufbewahrt) An jeder Karte sollte jeweils eine Antwortkarte hängen, die aber meistens fehlte. So konnten wir erst am 27. Mai 1946 an Hermann schreiben, welche Nachricht er wiederum erst am 21. August 1946 erhalten hatte. Dann wußte auch er endlich, daß wir in der Heimat wohlauf waren und er seit dem 30. Oktober 1944 eine kleine Tochter Monika hatte. Die quälende Ungewißheit hatte ein Ende, und wir hofften auf eine baldige Heimkehr von Hermann. Auf Anfrage bekamen wir vom Evangelischen Hilfswerk für Internierte und Kriegsgefangene in Erlangen Auskunft über den Aufenthalt von Hermann. Er war in einem Kriegsgefangenenlager in Swerdlowsk/Sibirien (östl. v. Ural, heute Ekaterinburg) und in Werschaturie/Ural.

Im Frühjahr 1947 wurde meine Mutter schwer krank. Diagnose: Magen- und Darmkrebs. Die ärztliche Behandlung lag damals noch sehr im argen. Eine Krankenhauseinweisung war unmöglich. Dann und wann gab der Arzt Dr. Leidecker ihr eine Morphiumspritze. Dafür mußte ihr Schwiegersohn Mathieu Grobusch, ein guter Schreiner, ihm eine Gartenbank zimmern. Nach 2 monatigem Krankenlager hat Gott, der Herr über Leben und Tod, sie heimgeholt in seinen Frieden! Meine liebe, gute, fleißige Mutter, mein starker Arm, sie war jetzt tot. Sie wurde 78 Jahre alt. Jahrelang habe ich um sie getrauert. Heute noch bete ich oft für die Seelenruhe meiner Eltern. Wieviel Stütze gaben sie mir in meiner Ehe mit Hermann. Aus ihren Gärten, sowie durch Schweine- Kaninchen- und Geflügelzucht war unsere Ernährung in großem Maße sichergestellt. Meine gute Mutter ist kurz vor Hermann’s Heimkehr aus dem unsinnigen, leidvollen Hitlerkrieg gestorben. Warm hat sie mich in ihrer Sorge, ob Hermann jemals wieder das Haupt unserer Familie würde, allen meinen Geschwistern, denen ich in Liebe zugetan war, empfohlen. Meine Mutter war manchmal etwas poetisch angehaucht: "Kinder, liebet einander, gehet zu Gott, und was er euch sagen wird, das tuet!"

Alles vergeht auf Erden, auch die traute Familie, die Eltern, die man so abgöttisch liebte. "Alles in Gottes Namen", das habe ich aus meiner Mutter Mund hundertmal gehört. Sie war eine Frau mit starkem religiösem Rückgrat.

Meine Mutter war einige Wochen tot, da stand wirklich, ja wirklich Hermann’s Heimkehr ins Haus. Es war August 1947. An einem Abend spät schellte es sehr stürmisch. Es war Onkel Max Reinhart, der begeistert ausrief: "Maria, Hermann ist bei uns angekommen. Wenn er sich etwas erfrischt hat, kommt er hierhin!" Da ließ ich mich nicht mehr aufhalten! Ehe ich bei Tante Leni war, so etwa am Kirchplatz, kam er auf Holzschuhen angeklappert. Wir schlossen uns beide laut weinend vor Glück in die Arme. Zerlumpt, auf Holzschuhen, mit einem hölzernen Eßgeschirr und einem Besteck aus Holz, mit einer Kordel an seine Kleider gebunden, war Hermann nach 8 Jahren heimgekehrt. Zu Hause gab es ein herzliches Wiedersehen mit Hans-Josef und Josefine, und zum ersten Mal schloß er sein fast 3jähriges Töchterchen Monika in die Arme.

8 Jahre lang hatte beinahe jeder Tag Tod und Verderben gesprüht. Eine Zeitlang verging, ehe Hermann nachts Schlaf fand. Er hatte es kaum fassen können, wieder ein freier Mann zu sein. Wie alle Rußlandheimkehrer hatte er einen dicken, aufgeschwemmten Kopf. Schrecklich war sein Martyrium gewesen! Wir hatten unseren lieben Vater wieder in unserer Mitte. Dann war die Zeit wieder peu a peu lebenswerter geworden. Hermann dachte intensiv daran, wieder auf seine alte Stelle bei der Verkaufsgesellschaft des EBV zu kommen. Heute sage ich, daß er sich hat arbeitsfähig machen lassen, denn seine Gesundheit war sehr angeschlagen. Damals bekamen die Leute in den Betrieben belegte Butterbrote. Das waren für unsere Kinder willkommene Hasenbrötchen!

Bald hätte ich vergessen, den Empfang, der Hermann bereitet wurde, zu erwähnen. Es ging wie ein Lauffeuer durch Rothe Erde:" Der Hermann Gehlen ist heimgekehrt!" Hans-Josef zählte am nächsten Abend über 40 Personen, die bei uns ein- und ausgegangen waren: Seine Geschwister, die den Krieg überlebt hatten, mit ihren Partnern, Dechant Brandenburg, Kaplan von Issum, alle Nachbarn, der alte Zinsen, der alte Knops, Herr Gallas, sein väterlicher Freund, einige Sängerfreunde, Peter Hennen, Gerhard Offergeld usw. Aus Broichweiden kam Hermann Dahmen. Die beiden Hermänner waren fast bis 1947 als Kriegskameraden immer zusammen und hatten sich eng angefreundet. Sie waren wie aus demselben Holz geschnitzt, tranken gern eins, Hitlerhasser durch und durch, ihren Frauen treu ergeben! Lange lagen sie sich küssend, aber auch ganz ungehemmt weinend in den Armen.

Hermann Dahmen war etwas vor unserem Hermann aus Gefangenschaft zurückgekommen, starb aber noch vor ihm. Er hatte sich beim Ausschachten eines Bierkellers übernommen, als er seine elterliche Wirtschaft so schnell wie möglich wieder eröffnen wollte. Nun ja, ein Gehirnschlag war die Folge des übermäßigen Strebens bei gebrochener Gesundheit!

Wir beiden Frauen mit den Kindern haben uns in den Kriegsjahren oft, gegenseitig besucht. Daran denke ich noch gerne zurück. Aber mein Hermann war ein geschlagener Mann. Wie leid tat er mir, wenn er sich morgens auf den Weg zur Arbeit machte, bis zur Göbbelgasse. Ich habe ihn immer mit meinen Gebeten begleitet. Von seinem Kriegskamerad Josef Goergens aus Eilendorf, der nach ihm nach Hause kam und heute noch lebt, habe ich erfahren, daß Hermann bei schweren Arbeiten in einem Steinbruch seine Kräfte total verbraucht hatte. Nach einem Zusammenbruch kam er ins Lazarett und wurde bald nach Hause entlassen. Am Karsamstag 1953 wurde Hermann in die Städt. Krankenanstalten in der Goethestraße eingeliefert. Au wei, was kam da der Reihe nach heraus: Doppelseitige chronische Nierenentzündung, Schrumpfnieren, Harnvergiftung. Bis zum 15. September 1953, dem Fest der sieben Schmerzen Mariä, hatte er so dahin gelitten und ist nachts mutterseelenallein gestorben. Am 19. September, unserem 24. Hoch- zeitstag, haben wir ihn auf dem Forster Friedhof zu Grabe getragen. Dort fand er seine letzte Ruhestätte. Viele Menschen gaben ihm das letzte Geleit. Betagte ehemalige Hüttenleute sah man weinen. Ein treues, gütiges Menschenherz hatte aufgehört zu schlagen.

Rückblickend erinnere ich mich an 2 Tage, von denen ich noch sprechen möchte. Am 1. Mai 1953 hatte Hermann einen ganz schweren Tag nach einem sehr schmerzvollen Eingriff. Max Giesen, der in diesen Tagen bei ihm im Zimmer lag, hatte es mir so angedeutet. Unsere liebe Monika sollte in diesem Jahr zur ersten hl. Kommunion gehen. Das sollte zu Hause feierlich begangen werden, aber wie schon erwähnt, seit Karsamstag lag der arme Vater im Krankenhaus. Am Weißen Sonntag haben wir ihn mit unserem Bräutchen besucht. Aber er war sehr traurig und geschwächt. Bei der häuslichen Feier war die große Verwandtschaft eingeladen. Das Kind Monika hatte ein schönes Fest bereitet bekommen. Aber wie weh war mir ums Herz!

Mein geliebter Mann, um den ich schon so viel Angst ausgehalten hatte, war nun tot. Jetzt gab es keine Heimkehr mehr zu uns. 54 Jahre war er durch dieses Jammertal gepilgert. Ich danke Gott, daß er ihm jetzt den ewigen Frieden geschenkt hat. Unsere Heirat hatte ich als Aufbruch zu neuen Ufern ernst genommen. Mit Gottes Hilfe nahm ich das Los, Witwe zu sein, ebenfalls als Aufbruch zu neuen Ufern sehr ernst. Jetzt mußte ich 3 Kindern Mutter und Vater sein, verantwortlich für ihren Leib aber auch für ihre Seele. Wie oft hatte Gott schon geholfen, er wird auch uns Vieren immer zur Seite stehen. Mir hatte man einmal mit vorgehaltener Hand zugeflüstert, ich hätte meine Kinder zu viel beherrscht! Erziehen ist schwer, aber auch erzogen werden ist nicht immer Zuckerschlecken.

Heute, 60 Jahre nach der Geburt meines" ersten Kindes, kann ich dankbar und beruhigt annehmen, daß meine Methode gut war – oder nicht? Mein inniges Flehen zu Gott, heute am Fest der hl. Martha: Führe sie alle, die du mir gegeben, d. h. meine ganze Großfamilie dereinst nach dem Pilgerweg durch die Welt zum ewigen Licht! Ein tiefes Atemanhalten bedeutete noch die Rentenfrage. Wie hoch wird die Rente sein, kann man davon bestehen, war die bange wichtige Frage. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte unser Hausarzt Dr. Maus schließlich durchgefochten, daß Hermanns Krankheit als Kriegsleiden anerkannt wurde. Monika und ich waren Kriegshinterbliebene und waren finanziell gut versorgt. Dafür hat Hermann einen unermeßlich hohen Preis zahlen müssen!

Hans-Josef und Josefine hatten zu diesem Zeitpunkt schon eigenes Einkommen. Was die Schulbildung meiner Kinder anbelangt, so war es Hans-Josef und Josefine aus finanziellen Gründen nicht möglich, das Abitur zu erreichen. Damals mußte noch Schulgeld bezahlt werden und zudem kam unser Vater erst 1947 aus russischer Kriegsgefangenschaft. Sie verließen daher beide das Gymnasium mit der "Mittleren Reife" und hatten dann beide den kaufmännischen Beruf erlernt. Monika besuchte die Realschule und hatte nach erfolgreichem Abschluß zunächst auch den kaufmännischen Beruf erlernt. Später hatte sie eine Ausbildung als Gemeindereferentin gemacht.

Zwischen meinen 3 Kindern und mir bestand immer ein inniges Vertrauensverhältnis. Jeder hatte das Herz auf der Zunge. Ohne Familienrat lief nichts. Ich habe mich immer als Magd meiner Familie verstanden. Ich habe mich nie vor einem Einsatz gedrückt, wenn es auch manchmal mühsam war. Eine gute Magd ist immer da, wo sie gebraucht wird. Kann denn dann vom Beherrschen meiner Kinder die Rede sein?

Hans-Josef und Fine gingen schon ihre eigenen Wege. Ich war froh, daß ich noch Monika hatte. Wir beide sollten jetzt Lebensgefährten werden. In dieser Zeit des Alleinseins waren meine Schwester Tilly und ihre Familie allsonntäglich unsere Anlaufstelle. Bis heute habe ich ein herzliches Verhältnis zu Evi und Willi Grobusch. Sie schätzen mich sehr als noch lebende Schwester ihrer Mutter. Als ich noch in Forst wohnte, hatte Evi mich immer umarmt, wenn wir uns begegneten. Zur Zeit trägt Evi sehr schwer an der Stimmbanderkrankung ihrer Christiane. Ich bete gern und oft mit den Geschlagenen.

Aber wenn ich mit Monika abends von Forst nach Hause kam, habe ich die gähnende Leere bitter empfunden. Hans-Josef hatte schon Anni gefunden, die auch seine Auserwählte bleiben sollte. Anni und ihre Eltern hatten schon die Tage der Krankheit unseres Vaters mit uns getragen, war das nicht treu! Der 13. Juli 1955 war der Hochzeitstag von Anni und Hans-Josef. Die Trauung fand in St. Barbara statt. Herr Dechant Brandenburg hatte ein feierliches Brautamt zelebriert. Anni stellte eine schöne, feine Braut dar. Für den Brautzug hatten wir anderen uns auch herausgeputzt. Günther Plum und Monika, in hellblauem Kleid und einem bunten Wickenstrauß in der Hand, führten den Zug an. Anni’s geschmackvollen Brautstrauß sowie alle anderen Blumen für den Festtag lieferte das Blumenhaus Brings, damals in Aachen führend. Die Eltern Plum hatten ihrem Töchterchen eine große häusliche Feier bereitet. Es war ein Haus voll Gäste beisammen gekommen. Anni und Hans-Josef hatten sich eine schmucke Einrichtung für ihre 3-Zimmerwohnung im elterlichen Haus von Anni ausgesucht, die sich sehen lassen konnte. Tante Maria Frings, die einen guten Geschmack hatte und sich ein Urteil erlauben konnte, gestand, daß sie noch bei keinem ihrer bekannten jungen Leute ein geschmackvolleres Heim gesehen habe. Ja, was Anni anfaßt, wird was! Der Himmel hing voller Geigen, es war beiderseits eine große Liebe!

Hans-Josef war dank seiner Fähigkeiten und Zuverlässigkeit erfolgreich im Beruf und Anni bis heute eine Superhausfrau. Es war ein Paar mit guter Note in jeder Weise. Sie lebten eine gute Ehe, mit 4 Kindern gesegnet: Winfried, Birgit, Norbert und Ulrich. Eine rundum glückliche Familie! Die Eltern Plum standen Anni und Hans-Josef hilfreich zur Seite und hatten große Freude an den Enkelkindern. Leider hat sich hier allzufrüh etwas schmerzvoll geändert. Der Vater Plum verstarb während eines Kuraufenthaltes in Bad Kissingen. Die Mutter Plum hat den plötzlichen und frühen Tod ihres Mannes nicht verkraften können und starb 1961.

Haben wir alle Achtung vor der Tapferkeit unserer lieben, guten Anni. 6 Jahre später wurde ihr der Mann ihres Herzens und Vater ihrer Kinder genommen. Tragik! – Tragik!

Die Wohnung der Eltern Plum wurde frei. Da der EBV das Haus, welches wir in der Hüttenstraße bewohnten, an Bergleute verkaufte, bot es sich an, daß ich mit Fine und Monika zur Haarener Str. 4 III übersiedelte. So ein wenig konnten wir in etwa die Tradition der Eltern Plum fortsetzen. Ich, die Oma, habe die 4 Kinder in ihren schönsten Kinderjahren erlebt und ihre unbeschwerte Kindheit genossen. Anhänglich waren sie alle, aber bei Norbert war die Anhänglichkeit am ausgeprägtesten. Winfried hatte einen großen Wissensdrang. Er wollte immer noch mehr wissen. Für ihn mußte ich immer wieder etwas aus meinem Schatzkästlein "Erinnerungen aus Algringen" hervorholen. Mein Kinderparadies, die Spielwiese und die Steinbrüche mit den Blindschleichen und den Kreuzottern waren für ihn ja so interessant. Birgit, das Prinzeßchen, hatte meine lustigen Geschichten und oft spaßigen Einfälle mit herzlichem Lachen bedankt. Meine Kaffeekränzchen-Story kennen die vier sicher noch gut.

Ich führe an, wie die verlief. Als Anni einmal zum Kaffeekränzchen war, habe ich die Kinder im Geiste an den Kaffeetisch geführt, so etwa: "Die Kaffeekanne in der Mitte, das ist die schlanke, große Frau Schamberg. Daneben stehen 2 kleinere Gefäße, die Dose mit dem süßen Zucker und das Kännchen mit der leckeren Büchsenmilch. Wer könnte das anders sein als unsere liebe, schöne Mama, die Anni Gehlen geb. Plum. Vor die schönen Tassen haben die anderen Frauen sich niedergelassen. Jede hatte die schönste Sammeltasse im Auge." Liebe Birgit, ich höre dich noch so schallend lachen wie damals, die "Bööle!" Für Ulrich, den kleinsten im Bunde ging ich unter die Sänger:" Du bist mein kleiner Gardeoffizier!"

Da meint man vielleicht, ich hätte keinen Humor. Mein Humor ergoß sich in Kinderherzen. Das war ein glückliches Leben mit meinen Enkeln. Norbert ist heute schon Vater meiner beiden Urenkel Sarah und Mischa.

Anni und Hans-Josef wären mit ihren 4 netten Kindern eine glückliche Familie geblieben, wenn sich nicht bald bei Hans-Josef ein Krebsleiden herausgestellt hätte, welches – furchtbar und heute noch nicht zu fassen – nach 12 Ehejahren zu seinem Tod führte. Ich sammle mich wie zum Gebet, wenn ich in Trauer und Ehrfurcht von dem harten Schicksal der jungen Familie schreiben muß. Am 07. November 1967, erst 37 Jahre alt, hauchte Hans-Josef sein Leben aus. Vorausgegangen war im Würselener Krankenhaus eine bösartige Magenoperation. Die Wochen seines schweren Leidens haben ihn, so glaube ich, seelisch zermürbt. Unser lieber, guter Hans-Josef! Wie schön hatte die Ehe begonnen. Hans-Josef war in guter Stellung. Dank seiner Fähigkeiten und seiner guten Haltung im ganzen hatte er die Nachfolge im Amt seines Vorgesetzten, der bald aus der Firma ausscheiden sollte, sozusagen sicher in der Tasche.

Nun aber war Anni allein mit 4 kleinen Kindern. Aber auch hier: "Wie der Herr so gut gewesen!" Wieviel ist mit Anni’s Streben, Beten und Opferbereitschaft zum Guten gelenkt worden. Sie bewohnten ein schuldenfreies Eigenheim. Bei den Kindern sind Wermutstropfen dazwischen geflossen, wie in jeder Familie Freude und Trauer, Glück und Leid wechseln. Fazit: "Freund, ich bin zufrieden!"

Das ist Goldes wert. Anni, mein Kind, wie hab ich dich schätzen und lieben gelernt. Das weißt du, wenn du deine Gedanken an mich im Altenheim lenkst. Gott empfohlen ihr alle im Leben und in der Ewigkeit. Einfügen möchte ich ein Anliegen: ein Gebetsgedenken über meinen Tod hinaus.

Monika’s Berufswunsch war zunächst eine Bürotätigkeit. Die erste Stelle war beim Berliner Verein, einer Ersatzversicherung. Doch das war nicht das Richtige. Durch Fine’s Vermittlung erhielt sie dann eine Stelle bei Garbe Lahmeyer als kaufmännischer Anlernling. Zum 1. November 1964 hatte Pastor Henn von der Pfarre St.Katharina sie als seine Pfarramtshelferin engagiert. Dieser Stellenwechsel stand für Monika unter einem sehr guten Stern. Sie hätte sich schnell und gut eingearbeitet, war bald ein Lob von Pfarrer Henn. Eine Messe-Bestellung hat sie anfangs sehr belustigt: für Anna Maihi geb. Pläihi. Dem Kirchenchor St. Barbara blieb sie noch lange treu. Als der Chor von St. Katharina eine besondere Aufführung hatte, half sie dabei aus. Nun war der Dirigent Franz Ritzerfeld so begeistert von ihrer kräftigen Chorstimme, daß er ihr den Wechsel vom Chor St. Barbara zum Chor St. Katharina erpreßte. Aufgrund ihrer Kontaktfähigkeit hatte Monika bald gute, treue Freunde gefunden. Es waren nicht nur Chorfreunde. Die Zuneigung ging bis in den privaten Bereich. Monika’s Weg zum Pfarrbüro war anstrengend. Sie kam auch in Mittagspause. Also 4mal täglich zwischen Eilendorf, Haarener Straße und Forster Linde pendeln war schon stramm. Auf dem Gelände der Pfarre St. Katharina entstand die Ambrosiusstraße. Eine schöne 4-Zimmer-Wohnung im Haus Nr. 19 winkte uns als Lösung. So siedelten wir eingefleischten Rothe Erder nach Forst über. Pfarrer Karlheinz Collas, der Pfarrer Henn im Amt folgte und heute Generalvikar des Bistums ist, förderte Monika achtenswerterweise und hatte sie ermutigt, nebenberuflich eine Ausbildung zur Gemeindereferentin zu machen. Monika hatte den theologischen Kurs (Würzburger Kurs) mit Prädikat "Gut" absolviert und war ab 1. Juli 1980 mit Hauptaufgabe Altenarbeit in St. Katharina tätig. Dieser Beruf hatte sie voll ausgefüllt und glücklich gemacht. Leider hatte eine halbjährige schwere Herzkrankheit ihrem frohen Leben ein Ende gesetzt. Sie starb am 19. Oktober 1984 im Marienhospital morgens gegen 4 Uhr, erst 40 Jahre alt. Ich habe die ganze Nacht neben ihr gesessen. "Meine Monika, ruhe in Frieden!"

Das Begräbnis und die Exequien haben bei manchem Erstaunen ausgelöst. Die unscheinbare Monika hatte in St. Katharina ein in Gott so feierliches Ende erfahren. Generalvikar Prälat Collas hielt eine schöne Ansprache. Weitere 10 Priester standen im Ornat um den Altar herum. Ein Nachruf von Frau Thömmes liegt bei meinen Papieren. Von zweien meiner Kinder habe ich jetzt von ihrem Leben geschrieben. Nun kommt Fine an die Reihe.

Ohne jeden Grund bist du zuletzt dran. Noch nicht einmal, daß ich den toten Kindern den Vorzug einräumen wollte. Bei der Fülle meiner Einfälle und meiner Schreibwut geht es eben nicht ohne Panne. Fine kam nach ihrer Schulzeit auf Empfehlung von Tante Maria Küppers an Fräulein Scheuermann, die Direktions-Sekretärin bei Garbe Lahmeyer war, in diese Firma. Ihre dortige Beschäftigung stand von Anfang an bis zu ihrem Ausscheiden nach der Heirat unter einem guten Stern. Sie hatte wirklich eine gute Stelle gefunden. Nicht nur, weil Fräulein Scheuermann sie protegiert hatte, sie wird Fleiß, Gewissenhaftigkeit und gute Haltung bewiesen haben. In diesen Jahren hatte sie mit Anni eine Romfahrt gemacht, und das war damals schon mehr wie "Nix Marie!"

1958 lernte Fine den Mann ihres Herzens kennen, den Matthias Gier, aus der Marienstraße in Eilendorf. Auch dieses Zusammenfinden stand unter einem guten Stern. Bis heute zu lag noch nie ein Schatten über diesem Paar. Sein Eindruck war von vornherein bestens. Mathieu ist gutaussehend, ein großer Naturfreund und Musikliebhaber, strebsam und erfolgreich im Beruf, kurz gesagt: "Guter Eltern biederer Sohn!" Seine Mutter Gretchen Gier geb. Datene zeichnete sich durch Fleiß und große Herzensgüte aus. Leider starb sie allzufrüh mit 58 Jahren. Der Vater Gier hatte ein schönes Hobby, er war Musiker im Instrumentalverein. Frau Plum, Anni’s Mutter, die mit Mutter Gier von Kindheit an befreundet war, schilderte mir Mathieu’s Eltern so: "Die Giers sorgen immer, daß der Schornstein raucht!" Zur Zeit sind Fine und Mathieu zu einem Urlaub in ihren geliebten Bergen. Mein ständiges Gebet: "Lieber Gott, alles was ihnen schaden kann, halte deine Allmacht fern." Im August 1961 war eine schlichte Verlobungsfeier im Familienkreis bei uns in der Hüttenstraße. Ihr Hochzeitstag war der 10. Mai 1962. Das Brautamt fand in St. Barbara durch Dechant Brandenburg statt. Zu ihrem Hochzeitsgeleit hatten wir uns alle fein herausgeputzt. Der Star der Veranstaltung Fine war eine feine Braut. Tante Luise, humorvoll wie sie war, meinte: "Josefine war noch schöner als die Fabiola!" Die Vermählung des belgischen Königspaares Baudouin – Fabiola lag in jüngster Zeit zurück.

Den Hochzeitsschmaus hatten wir in das Restaurant "Drimborner Wäldchen" verlegt. Es verlief alles sehr schön, es war dort ein gemütliches, frohes Hochzeitsfest. Unseren Pastor, Herrn Dechant Brandenburg, hatten wir auch zur Hochzeitsfeier eingeladen. Hier muß ich innehalten und mich sammeln wie zum Gebet. Er war ein frommer Priester, ein großer Marienverehrer und Schönstattpriester. Dort ist er auch am 18. Mai 1974 gestorben. Ihm haben meine Kinder und ich viel zu verdanken. In mir hat er den Opfergedanken geweckt, und was hat dies mir im Leben weitergeholfen! Er hat uns den Weg des Heils geführt. Herr, gib ihm die ewige Ruhe. Ehre seinem Andenken!

Schon im ersten Jahr ihrer Ehe sind Mathieu und Fine an einen Hausbau herangegangen: Eigenheim Kirchweidweg 3. Fine hat 3 Jungen das Leben geschenkt, Herbert, Christoph und Stefan. Stefan starb leider schon im Säuglings- alter. Das war wohl der erste große Schmerz in der jungen Ehe. Dank seiner Fähigkeiten und Strebsamkeit war Mathieu beruflich sehr erfolgreich. Immer dankbar sein gegen Gott und die Menschen! Aber o Kraus! Ein großes Leid für die Familie lauerte im Hintergrund.

Am 17. September 1986 erlitt Mathieu in der Ausübung seines Berufes einen schweren Unfall. Das hatte nicht nur seine "drei" getroffen, auch mich sehr, sowie seine Verwandten und seine Freunde. Seine Verletzungen waren so schwer, daß man von "großem Glück" sprechen kann, daß er überlebte. Ich, die Oma, bete ohnehin dann und wann zu Engel Stefan, den wir im Himmel wissen: "Wache immer und überall über deine leiblichen Eltern und Brüder." Ich konnte erfahren, daß Mathieu sich trotz der Schwere des Falles während des langen Krankenhausaufenthaltes sehr diszipliniert verhalten hatte. Das ehrt ihn, und wer ihn kennt, mutet das seinem geraden Charakter oder seiner Mentalität zu. Mein Leid um dieses tragische Schicksal möchte ich ausdrücklich betonen aber auch meine Achtung vor der Haltung Mathieu’s bei den Auswirkungen, die noch nicht ganz ausgetragen sind. – Hallo Mathieu! – In Kindertagen hat mir jemand ins Poesie-Album geschrieben: "Nicht wünsch ich dir immer Sonnenschein. Auch Stürme gehören ins Leben hinein. Doch bewahr dir im Glück wie im läuternden Schmerz den Schatz deiner Jugend, ein kindlich frommes Herz!"

Wieder einmal: "Wie der Herr so gut gewesen und wunderbar geholfen hat!" Herbert und Christoph sind gute Junge Männer geworden.

Nun komme ich zu den Krankheiten in meinem Leben. Ich habe nie vor Gesundheit gestrotzt. Ich hatte immer ein schwaches Herz. Kleine Wehwehchen sind mir zeitlebens nachgelaufen. Aber ich hätte nie gedacht, daß ich so alt geworden wäre, wie ich heute schon bin, nämlich 83 Jahre. Wie der Herr so gut gewesen! Er hatte mich bis zum Alter von nahezu 76 Jahren vor schwerer Krankheit bewahrt. In der Woche vor Fastnacht 1982 machten sich bei mir Zeichen eines Krankheitsherdes in der Blase bemerkbar. Am 11. März 1982 wurde ich im Eschweiler Krankenhaus operiert. "Bösartiger Tumor in der Blase!" Außer dieser Operation habe ich noch elfmal für eine gleiche Operation herhalten müssen wegen bösartiger Neu- bildungen. Die Operationen wurden immer nur mit örtlicher Betäubung ausgeführt, aber mit einer sehr schmerzhaften Rückenmarkspritze. Die Ärzte wehrten sich immer, wenn ich gelegentlich von Eingriffen sprach, sie bestanden auf der Bezeichnung "Operation." Zwischen der 4. und 5. Operation in Eschweiler wurde mir 1985 im Marienhospital die rechte Brust wegen Krebs amputiert. Es folgten 26 Bestrahlungen im Klinikum. Im Dezember 1987 war ich in der Gefäßchirurgie des Marienhospitals, wo ein Durchstoßversuch eines Arterienverschlusses am rechten Bein leider erfolglos verlief.

Am 29. September 1988 wurde ich mit einem Schlaganfall ins Marienhospital eingeliefert. Gott sei Dank waren nach 2-wöchiger Behandlung nur leichte Lähmungen linksseitig und die linke Hand völlig gelähmt geblieben. Diese meine derzeitige Krankheit hatte mir mehr zugesetzt als alle anderen zuvor. Ich war schon fast ganz aus den Fugen geraten. Wollte ich doch tagelang der göttlichen Vorsehung dreinreden: "Warum war der Schlag nicht tödlich?" sogar hadern mit dem Herrn, der doch immer so gut gewesen. Mein Geist hatte nicht gelitten, ist das denn kein Beweis, daß ich den Ablauf meines langen Lebens noch niederschreiben kann. Die Beine sind ziemlich geschwächt, die linke Hand gelähmt. Darf ich jeden von euch fragen, ob es nicht auch bitter ist, daß meine fleißigen und vielleicht auch geschickten Hände jetzt zur Untätigkeit verurteilt sind? Mir selbst und auch euch kann ich nicht mehr helfen. Aber ich sehe täglich schwerere bis schlimme Fälle. Also mit dem Brustton der Überzeugung: "Wie der Herr wieder so gut gewesen, Herr dein Wille geschehe!" Das renomierte Marienhospital hat mich mit der Station für Schlaganfälle sehr enttäuscht. Das waren keine Krankenschwestern von Format, sondern "Kranke-hinundher-schubser"! Was haben die mich mit meinen Zibbelshärchen gedemütigt! Ich kann diesem Grauen gottlob etwas Schöneres entgegensetzen.

In den Tagen meiner Krankheit ist mir etwas ganz herrlich aufgegangen, eine große liebevolle Anhänglichkeit aller meiner Lieben an mich, die Mutter und Oma. Jeder ohne Ausnahme hat diesbezüglich das Seine unter Beweis gestellt, Herzlichen Dank an alle! Lieben und geliebt zu werden ist das höchste Glück auf Erden!

Am Freitag, dem 10. Oktober 1988, hat Fine mich im Krankenhaus abgeholt und ohne Umschweife das Taxi zum Kirchweidweg dirigiert. Aber auf der bösen Station hatte man uns die kalte Schulter gezeigt und das von uns angebotene Trinkgeld (DM 50,-) nicht angenommen. Warum? Zu einer offenen Fehde war es doch nicht gekommen. Da habe ich auf algringerisch gedacht, was man dort solchem Verhalten entgegensetzt: "Scheiss, Preiss, Brandenburg!" Diesen Ausdruck muß ich erklären. Bei den Algringern, besonders bei denen französischer Abstammung, waren der preussische Drill und die preussische Disziplin sowie Brandenburg, das preussische Kernland mit seinem Machtstreben, still verhaßt. Daher dieser Ausspruch. Auf Aachener deutsch: "Ja, da leck mich!"

Bei Fine habe ich erst mal ausgepustet, ich fühlte mich doch hart geschlagen. Aber Sehnsucht nach dem Heim in der Ambrosiusstraße wollte diesmal nicht aufkommen. 2 Monate habe ich im Kirchweidweg verbracht. Ohne Reibung haben sich beide Parteien gestanden: Das kann kein Dauerzustand sein. Die richtige Lösung ist wohl oder übel das "Alteinheim St. Franziskus". Es ist ein Heim ohne Komfort, aber die Nähe zur Fine sollte mein Komfort sein. Da ich mich nach dem Tod von Monika ohne das Wissen von Fine bereits für den Notfall dort angemeldet hatte, konnte ich am 07. Dezember 1988 ein Einzelzimmer beziehen. Sie alle die Meinen haben getan, was sie konnten, um das Zimmer behaglich zu machen.

Jetzt bin ich schon 8 Monate hier, und ich hoffe, daß die erforderliche Eingewöhnungsphase lang genug war, es soll alles gut sein. Es ist eben der Platz, wo Gott mich hingestellt hat. Täglich humpele ich zu den Giers, immer liebevoll empfangen und aufgewartet. Die Hauskapelle gibt mir viel und entschädigt mich für manches, was Opfer verlangt. Manchmal sagt man mir vor, ich hätte viel Hartes hinter mich gebracht. Geviß war manches schwer. Zwei Kinder sterben sehen, mehrmals ein Marsch an die Front, sprich OP. Das Leid meiner Kinder habe ich vor Gott hingetragen. Das ging alles nicht ohne viel Gnade von dem Herrn, der immer so gut gewesen.

Aber es drängt mich dazu, auch von den Freuden, die mir so oft zuteil wurden, zu schreiben. Ungeheuer dankbar will ich meinen Kindern sein für alle Freuden, die sie mir bereitet haben, oder die ich durch ihr Leben empfinden durfte. Hatte ich doch allen Grund, mich an Hans-Josef zu erfreuen. Wie hat er zu mir aufgeschaut, an allem Schönen hat er mich teilnehmen lassen. Dasselbe gilt für dich, liebe Fine, bis heute beweist du tagtäglich ein warmes Herz für mich. Dank von Herzen euch meinen zwei ältesten Kindern. Monika, mein Sorgenkind, wie eng hast du dich an mich angelehnt. Du warst lange mein Lebensgefährte, wie schön war diese Zeit in der Ambrosiusstraße. Danke von ganzem Herzen. Bei den Ehepartnern und Lebensgefährten meiner Kinder, Anni und Mathieu, spreche ich von großem Gewinn. Ich nenne sie ebenfalls meine Kinder, wenn sie so wollen, und sage auch ihnen herzlichen Dank. Alle sind mir ans Herz gewachsen, auch meine lieben Enkel Winfried, Birgit, Norbert mit Hilde, Ulrich, Herbert,Christoph und als Rattenschwänzchen meine lieben Urenkel Sarah und Mischa! Gott empfohlen meine Kinder alle, ob groß oder noch klein. Kinder, gehet zu Gott, nach alter Oma Weise!

"Alles in Gottes Namen"! Damit schließe ich meinen Lebensbericht ab. Heute ist der 09. August 1989. Als ich mein Geschreibsel durchgelesen habe, war ich gar nicht zufrieden damit, wie ich meine Hausaufgaben gemacht habe. Einmal habe ich meine Aufzeichnungen schon vernichtet. Jetzt müßt ihr euer Urteil darüber aussprechen. Ich bin schon zu alt, ich konnte es nicht besser.

Mein Gedanke jetzt ist, wann kommt der Sensenmann? Die Zeit meines Lebens läuft aus. Ich lege meine Zeit in Gottes Hände. Ich vertraue darauf, daß der Herr mich an meinem letzten Tag durch das Tor ins andere Leben begleiten wird (n. Theresia Hauser).

Wie der Herr so gut gewesen

Maria Susanna Gehlen, 1989

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