Wo kommen die Koreaner her?

Dr. Hans-Jürgen Zaborowski

Die koreanische Halbinsel, die sich im fernen Nordosten Asiens fast genau in Nord-Süd-Richtung zwischen China und Japan erstreckt, ist seit etwa 40.000 Jahren von Menschen bewohnt. Aber – die ältesten Spuren von Menschen haben mit dem heutigen koreanischen Volk nur den Wohnsitz gemeinsam. Wo kommen dann aber die Koreaner her? Diese Frage haben sich mehrere Wissenschaften gestellt, es ist versucht worden, diese Frage mit den Methoden unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen zu beantworten. Und was interessant ist – sie alle kommen – trotz der verschiedenen Ansätze – zu ähnlichen Ergebnissen.


Was kann, was sagt die Anthropologie?

Da ist einmal die Antwort der Anthropologie, wörtlich heißt das „Wissenschaft vom Menschen“. Sie untersucht die Funde von Knochen, Schädeln, Zähnen und versucht, aus den unterschiedlichen Maßen Rückschlüsse zu ziehen auf die Verwandtschaft von Menschengruppen. Aus genetischem Material überprüft man die Häufigkeit von Blutgruppen, die in verschiedenen Teilen der Welt statistisch signifikant anders sind. Als neueste Verfahrensweise werden auch DNA–Proben untersucht, wie in der Kriminaltechnik.

        Solche Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass seit etwa 10.000 Jahren Menschen in Korea gelebt haben, die als Vorfahren der heutigen Koreaner gelten müssen. Zugewandert sind sie aus Nord- und Zentralasien, wo sich ganz ähnliche Typen und Verteilungen finden wie in Korea.


Der Beitrag der Archäologen

Dieses Bild bestätigt die Archäologie, die Kulturvergleiche anstellt. Sie findet in der Form polierter Steinwerkzeuge und auch in den ältesten Keramiken, die auf koreanischem Boden gefunden worden sind, deutliche Parallelen in Sibirien bis hin zum Ural.

        Neue Analyseverfahren machen deutlich, dass Pflanzen zur Ernährung nicht nur gesammelt, sondern auch angebaut worden sind. Und, dass Tiere nicht nur gejagt, sondern auch gezüchtet wurden. Feste Siedlungen finden sich mit halb unterirdisch errichteten Häusern. Ein schönes Beispiel bietet ein Steinzeitdorf am östlichen Stadtrand von Seoul nahe am südlichen Ufer des Han–Flusses.

        Bis in die Mitte der Halbinsel gibt es Menhire, riesige Steine, die einzeln oder in Reihen aufgestellt wurden. Sie sind, wohl als Fruchtbarkeitssymbole, über ganz Festland-Asien verbreitet. Dolmen, offensichtlich als Gräber angelegt und genutzt, gibt es zwar in Nord- und in Süd-Korea. Aber im Norden sind sie regelmäßig gebaut, haben zwei große tragende Steine, zwei seitliche Abschluss-Steine und einen großen Abdeck-Stein. Die im Süden sind unregelmäßig und erinnern, wenn man sie heute sieht, eher an Geröllhaufen. Man hat sie deshalb als Nachahmungen der nördlichen Typen gedeutet, so dass der Ursprung dort und weiter im Inneren von Asien, ja vielleicht im fernen Europa liegt. Sowohl die Menhire wie auch die Dolmen setzen wegen der dafür notwendigen technologischen Kenntnisse für die Bearbeitung, für den Transport und besonders auch für das Aufstellen der meterhohen Steine eine Gesellschaft voraus, die in größere Einheiten organisiert ist, nicht mehr nur Horden von Familien, die durchs Land ziehen, sondern mindestens eine Stammesorganisation mit Führerpersönlichkeiten., die nach dem Tod in den Dolmen oft mit kostbaren Grabbeigaben beigesetzt wurden.


Das Geheimnis der koreanischen Sprache

Der Vergleich der koreanischen Sprache mit den Sprachen der Nachbarvölker bestätigt das Bild einer Besiedlung der Halbinsel im Wesentlichen aus dem Norden. Im Sprachbau, in der Form der Sätze, in der Grammatik, und auch in vielen Wörtern finden sich Ähnlichkeiten mit den Sprachen aus dem Norden und auch der Mitte Asiens. Am nächsten stehen die Ähnlichkeiten der tungusischen Sprachen mit dem Mandschu (der Sprache des „Letzten Kaisers“ von China; eine Mandschu) als wichtigster Kultursprache, mit den mongolischen und den Turksprachen. Wegen der mutmaßlichen Heimat dieser Völker am Altai-Gebirge nennt man diese Sprachengruppe „Altaiische Sprachen“. Manche Sprachwissenschaftler gehen noch weiter, sie sehen auch im Estnischen, Finnischen, Ungarischen und einige kleineren Sprachen im Norden Russlands (den „Uralischen Sprachen“ wegen der Heimat am Ural-Gebirge) Verwandte des Koreanischen. Allen gemeinsam ist die grammatische Struktur mit der Anhäufung von Endungen an den unveränderlichen Wortstamm – das bezeichnet man als Agglutination. Und auffällig ist das Phänomen der Vokalharmonie: die Auswahl aus mehreren Vokalen richtet sich nach festen Regeln nach den Vokalen im Stamm, oft bei mehrsilbigen Wörtern des Vokals in der letzten Silbe. Beim Erlernen der Sprachen sind die erkannten Ähnlichkeiten nicht mehr hilfreich. Dafür hat die Auseinanderentwicklung zu lange, viele tausend Jahre gedauert. Durch die Wanderungen von Völkern quer durch den Eurasischen Kontinent bis aus und nach Europa, auch durch die oft isolierte Lage der Sprecher inmitten von Völkern, die völlig anders strukturierte Sprachen mit vielfältigen Wechselwirkungen benutzen, gibt es keine Möglichkeit einer direkten Verständigung mehr.

        Aber die Vergleichende Sprachwissenschaft konnte in den letzten Jahrzehnten mit verfeinerten Methoden und mit einer breiteren Basis durch die Aufzeichnung „kleinere“, bislang schriftloser Sprachen in Nord-Ost-China, in Sibirien und Zentral-Asien und auch durch Dialektforschung Lautgesetze herausarbeiten, die den Sprachvergleich erleichtern und die Rekonstruktion eines gemeinsamen Grundwortschatzes dieser Sprachen möglich gemacht haben. Solche Lautgesetze, ähnliche Strukturen in der Grammatik und im Satzaufbau, und vor allem gemeinsamer Wortschatz im Bereich von Alltagswörtern wie den Zahlen, den Bezeichnungen für Körperteile, für Verwandtschaftsbeziehungen gelten als sicheres Indiz für eine Sprachverwandtschaft.


Überraschungen aus dem Süden

Die Einwanderung der Vorfahren der Koreaner vom Festland her, aus Nordosten über den Tumen-Fluss, heute Grenzfluss zwischen Korea einerseits, China und Russland anderseits, dann entlang der Ostküste und über niedrige Gebirgspässe in den Westen der Halbinsel dominieren unser Bild von der Herkunft des koreanischen Volkes. Aber da gibt es im Süden, sowohl an der Festlandküste wie besonders auf den vorgelagerten Inseln – allen voran die größte Insel Cheju-do – einige Merkwürdigkeiten. Da sind die so genannten „Steingroßväter“ auf Cheju, die Statuen in Indonesien, auf Hawaii, ja sogar aus den fernen Osterinseln verblüffend ähnlich sehen. Da gibt es Sitten und Gebräuche, die völlig abweichen vom Rest des Landes, die aber Parallelen haben in Japan, auf den Ryukyu-Inseln, in Taiwan, den Philippinen, Indonesien. Sie sprechen dafür, dass auch über See Menschen in der Frühzeit nach Korea gekommen sind.

        Später erst gab es dann verstärkt Einflüsse aus dem Nordwesten, aus China – aber die haben mit der Entstehung des koreanischen Volkes wenig bis nichts mehr zu tun. Sie haben „nur“ das Bild der Kultur bereichert – und haben viele bodenständige Elemente verdeckt...

 

Was sagen die Überlieferungen?

Die historischen Quellen

Betrachtet man die ältesten Überlieferungen über die Herkunft der Koreaner und über die Schaffung einer gesellschaftlichen oder staatlichen Ordnung auf der koreanischen Halbinsel, wird das Bild, das Anthropologie, Sprach- und Kulturwissenschaft erkennen lassen, von den Texten bestätigt. Es sind im Wesentlichen zwei Wurzeln, aus denen das koreanische Volk gewachsen ist, die seine Kultur ausgestaltet haben. Enthalten sind die ältesten Traditionen in den 'Überlieferungen der Drei Reiche" (Samguk yusa), die der buddhistische Mönch Iryon (1206-1289) zusammengestellt und 1279 fertiggestellt hat.


Tangun als Urvater der Koreaner

Darin  sind einmal der Tangun Mythos enthalten, der später als nationale Gründungsüberlieferung aufgewertet wurde. Danach gab es in alter Zeit den Himmelsherrn, dessen Sohn die Welt erlösen wollte. Versehen mit Drei Himmlischen Siegeln wurde er auf die Erde entsandt mit einem Gefolge von 3000 Begleitern, um die Welt zu regieren. Auf einem Berg mit drei hohen Gipfeln (lokale Überlieferungen sehen im Myohyang-san in Nordkorea diesen Berg, aber auch der Paektu-san an der Grenze zu China wird genannt) suchte  er einen Heiligen Baum und gründete dort die Heilige Stadt. Er selbst wurde Himmlischer König genannt.  Zu ihm kamen eines Tages eine Bärin und eine Tigerin, die ihn baten, er möge sie in menschliche Wesen verwandeln.  Er gab ihnen Beifuß und Knoblauch zum Essen und  forderte sie auf, sich in ihrer Höhle hundert Tage aufzuhalten, ohne ans Tageslicht zu kommen. Die Bärin wurde schon nach 21 Tagen in eine Menschenfrau verwandelt, die Tigerin hatte es aber nicht so lange in der Höhle aushalten können.
        Die in eine Menschenfrau verwandelte Bärin fühlte sich einsam. Sie betete am Heiligen Baum. Da änderte der Himmlische König seine Gestalt, heiratete sie und bald war sie guter Hoffnung. Sie gebar einen Sohn  Tangun, der 'Herrn des Sandelholzbaumes", Stammvater aller Koreaner.
        Die beiden Tierfiguren Bärin und Tigerin können vielleicht nach völkerkundlichen Untersuchungen der letzten Jahrzehnte gedeutet werden als Totem (ein indianisches Wort), als tierische Ahnenfigur eines Stammes. Beim Entstehen größerer gesellschaftliche Einheiten kann es zu Auseinandersetzungen gekommen sein, bei denen ein Stamm der mit dem Tiger als Totem unterlegen war, der andere Stamm mit dem Bär als Ahne hat die Vorherrschaft übernommen.
        Dass die Nachkommen des Bären-Ahnen den Sieg davongetragen haben, ist sicherlich auch kein Zufall.
        Bei Völkern von den japanischen Ureinwohnern, den Ainu, über ganz Sibirien bis zu den Samen (Lappen) in Skandinavien genießt der Bär besondere Verehrung, oft als Berg Gottheit.  
        Die Geschichte ber Tangun wird von Iryon datiert auf das Jahr 2333 v. Chr. Ein interessantes Datum- gleichzeitig ist dies nämlich die älteste Datierung  allerdings ebenfalls fiktiv- der chinesischen historischen Quellen. Damit dokumentierte Iryon, dass Korea gleich alt ist mit China und damit gleichrangig neben China steht.

Südliche Traditionen

Eine zweite Überlieferung über die Herkunft eines frühen Herrschers- diesmal des Silla Staates im Südosten der Halbinsel - findet sich bei Iryon. Danach hatten sich die Stammesführer in der Hauptstadt, dem heutigen Kyongju, versammelt, um sich zusammenzuschließen zu einem Staatswesen und um einen tugendhaften Herrscher auszuwählen. Plötzlich kam etwas vom Himmel heruntergeflogen zu einem Brunnen am Fuße des Berges, ein weißes Pferd, das sich niederkniete und verbeugte. Als die Menschen näher kamen, flog das Pferd wieder zum Himmel auf und hinterließ ein purpurfarbenes Ei. Als das Ei aufgebrochen wurde, kam ein schöner Knabe zum Vorschein. Später erschien ein Hühnerdrache, aus dessen linker Seite ein wunderschönes Mädchen geboren wurde. Auf den Lippen hatte es einen  Hühnerschnabel, der aber beim Baden abfiel. Sie hielten den Knaben und das Mädchen für  heilig, bauten für sie einen Palast, und als die beiden dreizehn Jahre alt waren, wurden sie verheiratet als König und Königin.
        Über die Stammesföderation Karak, die sich von der Südküste bis in das zentrale Bergland erstreckt hat, berichten die 'Überlieferungen der Drei Reiche", dass man einen Goldenen Kasten fand, der in rotes Tuch eingeschlagen war. Darin fanden sich sechs Eier, aus denen Knaben schlüpften, die schnell erwachsen wurden. Der erste von Ihnen wurde Herrscher der Föderation, die anderen seine Unterführer. Die Prinzessin kam mit einem Schiff von jenseits des Meeres.

Parallelen in Nord- und Zentralasien

In der ersten Überlieferung spielen Berg, Höhle, Baum und die Verwandlung eines Tieres, die Abstammung von Menschen und besonders des Herrschers von einem Tier, eine wichtige Rolle. Der  Berg  ist dem Himmel nahe, verbindet irdische und himmlische Welt miteinander.
        Die Höhle - sicher ein Symbol für die Gebärmutter - ist der Ort geheimnisvoller Verwandlung.
        Aus einer Höhle ist auch der oberste Gott der Mongolen gekommen, ein Himmelsgott  die Führer, die Khane werden als 'Söhne des Himmels" bezeichnet.
        Aus der Verwandlung von Tieren sind weltliche Führer hervorgegangen genau so hervorgegangen wie Menschen mit besonderen geistigen Begabungen.- die Schamanen. Sie haben menschliche Gestalt, aber übermenschliche Fähigkeiten: Eigenschaften, die sonst den Menschen vom Tier unterscheiden. Sie sind schnell wie ein Reh, können fliegen wie ein Vogel. Auch die Herrscher, in der Frühzeit die Stammesführer haben solche Attribute. Wahrscheinlich gab es ursprünglich sogar die Doppelrolle mit weltlichem und geistigem Führungsanspruch in einer Person. Erst mit dem Entstehen größerer gesellschaftlicher Einheiten oberhalb der Stammesebene kam es zu einer Trennung, zu einer Art Arbeitsteilung: König einerseits, Schamanenpriester andererseits. Diese Entwicklung läßt sich in koreanischen historischen Quellen aufzeigen, sie hat viele Parallelen besonders im Norden Europas wie auch in Nord- und Zentralasien.
Der Heilige Baum findet sich ebenfalls über weite Teile Asiens wieder, er ist die Weltachse.
        Sie verbindet die drei Ebenen, die Unterwelt, die Welt der Menschen und den Himmel miteinander, auf ihr reist der Schamane, um den Ratschluß der Götter und Geister für die Menschen einzuholen.    


Das Ei - Gegenstand mit Leben

In den südlichen Überlieferungen hat das Ei eine Schlüsselfunktion. Das Ei scheint nur ein Gegenstand zu sein -  aber in ihm wohnt Leben, aus ihm wird Leben geboren. Besonders in Indien und in Südost- Asien gibt es zahlreiche mythologische Texte von meistens goldenen Eiern, aus denen Helden, Herrscher, eine Gottheit (in Indien zum Beispiele der oberste Gott Brahma, der Schöpfer der Welt, der ihr auch die Ordnung gibt) geboren werden oder aus denen sogar die ganze Welt entstanden ist. Das Ei ist auch Symbol des Lebens, im Frühling hat es ganz besondere Kraft.
        Ein Traditions-Strom mit dem Ei im Mittelpunkt läßt sich über viele Zwischenstationen bis nach Korea verfolgen. Dies spricht eine deutliche Sprache, zeigt, dass  es auch nach Motiven der mythologischen Überlieferungen  eine Zuwanderung aus dem Süden nach Korea gegeben hat.


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