Literatur des Übergangs
Neue Medien – neue Literatur

Dr. Hans-Jürgen Zaborowski


Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts  wurden in Korea moderne Druckereien gegründet – fast eine ironisch zu nennende Entwicklung, wenn  man bedenkt, das Land im Druckereiwesen eine lange Tradition hat und viel beigetragen hat zu Buchkultur. Erinnert sei daran, dass der älteste erhaltene Blockdruck der Welt bei Restaurierungsarbeiten an einer Pagode im größten buddhistischen Tempel von Kyongju gefunden worden ist – ein mehrere Meter langer Text mit Gebetsformeln aus der Zeit vor 751 n.Chr.
        Erinnert sei an die über 81.000 Holzdruckplatten mit der Gesamtheit der im 13. Jahrhundert bekannten buddhistischen Texte, die – als UNESCO-Weltkulturerbe – im Kloster Haein-sa im Bergland westlich der Millionenstadt  Taegu unbeschädigt und vollständig zu besichtigen sind. Erinnert sei an das älteste mit beweglichen Lettern gedruckte Buch der Welt aus dem späten 14. Jahrhundert – in historischen Quellen wird die moderne Technik noch über 100 Jahre früher beschrieben, lange, lange vor Gutenberg... Erinnert sei daran, das nach der Schaffung der koreanischen Schrift 1446 sofort zahlreiche bedeutende Werke aus dem Chinesischen übersetzt und oft zweisprachig veröffentlicht wurden.
        Nun, am Ende des 19. Jahrhunderts, wurden Druckmaschinen importiert und spielten eine große Rolle für die neue koreanische Literatur. Denn diese Maschinen waren Voraussetzung für die Veröffentlichung von Zeitungen und Zeitschriften, in denen Gedichte, Erzählungen  und – in Fortsetzungen – die ersten Romane nach westlichem Vorbild  ein interessiertes Lesepublikum fanden.

        Die Gedichte haben zwar überlieferte Formen übernommen,  aber die Tendenz zur Bildung von Strophen (nach dem Vorbild der Kirchenlieder) und mit Lockerungen in der Metrik. Vor allem aber waren es die Themen und auch die gesellschaftliche Herkunft der Autoren, die den Unterschied zur traditionellen Lyrik ausmachten: Stärkung des Landes durch eine umfassende Modernisierung;  erhöhte Achtsamkeit gegenüber fremden Mächten;  Benennen von, ja Protest gegen die Widersprüche in der koreanischen Gesellschaft und Politik.


Die ersten „neuen Romane“

Der erste Roman eines koreanischen Autors, der in die Kategorie „neuer Roman“ (sinsosol ) eingeordnet wird, ist „Tränen von Blut“ (Hyorui nu) von Yi Injik (1862-1916). Zuerst 1906 bis 1907 in fünfzig Fortsetzungen in einer Tageszeitung erschienen, berichtet das Werk über zehn Jahre aus dem Leben eines Mädchens von der Kinderzeit zum Erwachsenenalter. Neue Wert- und Moralvorstellungen werden diskutiert vor dem Hintergrund einer neuen, einer westlichen Erziehung. Geradezu revolutionär war die Thematisierung der freien Wahl des Ehepartners und von größeren Rechten für Frauen in der Gesellschaft.  Der Roman war für die folgende Zeit Beispiel gebend.

        Im Jahr 1906 erschien, ebenfalls als Fortsetzungsroman in einer Zeitung, „Die Stimme des Teufels“ (Kwi ui song ) von Yi Injik, worin er mit der Yangban – Schicht, der Machtelite der Yi-Dynastie abrechnet. In „Die Ch’iak-Berge“ (Ch’iak-san) stellt er am Beispiel eines Familienkonflikts die gegensätzlichen Weltanschauungen der Generationen dar. Eher traditionell wirkt die Figur einer bösen Schwiegermutter, die mit allen Mitteln versucht, die ungeliebte Schwiegertochter aus dem Haus zu drängen, sie zur Rückkehr ins Elternhaus zu zwingen. Sie ist eine Figur, die immer nur erdulden muß, ertragen, die keinerlei Freiheit zu eigenen Entscheidungen hat, die ihr eigenes Schicksal nicht aktiv gestalten kann. Haß, das Böse scheinen sich gegen sie verschworen zu haben . Doch dann wirken die Kräfte des Guten zugunsten der Schwiegertochter. Sie unternimmt einen Selbstmordversuch, wird aber gerettet und zieht nun die Aufmerksamkeit auf sich, die Liebe und Treue zu ihrem Ehemann trägt dazu bei, dass sie ihre Menschenwürde wieder finden kann. Und diese positiv dargestellten Figuren sind ausnahmslos Vertreter des Fortschritts, der Modernisierung.

        Yi Injiks Erzählung „Die Silberwelt“ (Unsegye) wagt es schließlich darzustellen, wie sich die unterdrückten Volksmassen ihrer unwürdigen Lage bewußt werden und einen Weg zur Befreiung suchen. Noch im Erscheinungsjahr von Unsegye 1908 hat der Autor  die Prosavorlage dramatisiert und als erste Produktion des von ihm gegründeten Theaters Wongaksa in Seoul auf die Bühne gebracht. Mit diesem Stück, mit diesen Aufführungen beginnt die Geschichte des modernen koreanischen  Theaters  - Yi Injik kann in vielfacher Hinsicht als ein Pionier der neuen koreanischen Literatur bezeichnet werden.

        Als weiterer Wegbereiter des neuen Romans muß Yi Haejo  (1869 – 1927) gelten, unter dessen etwa dreissig Prosawerken vor allem  „Die Freiheitsglocke“ (Chayujong) von 1910 als in Form und Inhalt wegweisend angesehen wird. Hauptfiguren sind nur Frauen. Der Text besteht weitgehend aus Dialogen, die von den Frauen anläßlich einer Geburtstagsfeier geführt werden. Ausführlich wird  die gesellschaftliche und politische Situation in Korea kurz vor dem Verlust der Souveränität diskutiert wird. Fragen der Erziehung, die ja die Zukunft der Kinder prägen kann und soll, und die Rolle der Frau haben dabei  besonderes Gewicht. Es ist deutlich, dass weniger eine Handlung im Vordergrund steht, auch nicht die innere Entwicklung der auftretenden Personen, sondern dass eher die negativen Auswirkungen traditioneller Lebensformen, der Feudalgesellschaft, die ja noch nicht endgültig der Vergangenheit angehören, benannt, analysiert und kritisch abgelehnt werden.

        Yi Haejo war auch Übersetzer französischer Literatur, er hat zahlreiche traditionelle Erzählungen und Romane in die Umgangssprache des frühen 20. Jahrhunderts umgesetzt und dabei Stilelemente des neuen Romans verwendet und präzisiert. Grundsätzlich ist festzustellen, dass Veränderungen in der Gesellschaft nur mit einer Weiterentwicklung des Individuums vorstellbar sind, dass Problemlösungen nur aus dem Inneren der Menschen heraus vorstellbar sind.


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