Im Juli und August finden im Süden von Gran Canaria zwei grosse Schiffsprozessionen zu Ehren der "Virgen del Carmen", der Schutzpatronin der Fischer und Seeleute statt. Sie gehören zu den bekanntesten Fiestas der Kanarischen Inseln.
Foto: Oliva Segura (Foto Expedito, Arguinarguín)
   
Am 16. Juli, dem Tag der Heiligen, versammeln sich im beschaulichen Fischer-Hafen von Arguineguín buntgeschmückte Boote aller Art vom Galeeren-Nachbau bis zum Schlauchboot. Dabei wird ab 10 Uhr morgens getrunken, gegrillt, gegessen und musiziert.

        Gegen Mittag wird die "Heilige Jungfrau vom Berge Carmel" (bei Haifa in Palästina) in feierlicher Prozession aus der Kirche ans Wasser gebracht. Die getragene Musik der Zehn-Mann-Kapelle verliert im Hafen den Kampf gegen ein Pandämonium von Böllerschüssen, Trompeten, Jauchzen, Schreien, Paso Dobles und anderer lateinischer Musik aus den Bordlautsprechern. Die vielen Gäste auf blumenübersäten Wasser-Vehikeln fast aller Art wie Glasbodenboot, Karavelle, Fähre, Yachten, Fischer-, Ruderbooten undundund haben den Kirchgängern schon zwei Stunden gute Stimmung voraus. So kann die Jungfrau nur rasch von ihrem Bootsrumpf auf Rädern auf ein richtiges Schiff getragen werden - natürlich nicht ohne dass sich an Bord ihr Heiligenschein gründlich in den grossen Bändern mit den Nationalfarben verfängt. Dann geht die Fahrt los. Zuerst segeln Dutzende von Booten, an der schönstgelegenen Zementfabrik der Welt vorbei, gen Süden, dann ändert sich der Kurs nach Norden. Die Stimmung wird immer ausgelassener feucht-fröhlich. Feucht wegen des reichlich fließenden Alkohols und weil Mitfahrer auch schon mal zur Abkühlung ins Meer springen oder geschubst werden. Zurück bleibt ein stilles Städtchen mit engen Gassen im Festschmuck vieler Blumen und Fahnen des Landes: rot-gelb-rot - wie sagte der Dichter, die spanische Geschichte resümierend? "Ein Strom aus Gold zwischen zwei Strömen aus Blut."

        Die Schiffsprozession fährt vorbei an Patalavaca, Puerto Rico, Taurito zum Yachthafen von Mogan, dem Klein-Venedig der Kanaren. Dort wird die Statue von ihrer "Kollegin", der Heiligen Carmen aus der Kirche von Mogan empfangen. Beide Seejungfrauen werden zur Begrüssung einander zugeneigt. Dann begleiten sie Menschentrauben zur Kirche. Am Nachmittag sticht die Prozession wieder in See. Zwei Wochen später erfolgt ein Besuch mit ebenso prächtiger Schiffsprozession in Gegenrichtung. Hasta siempre!

        Landprozessionen zu Ehren der Hl. Carmen gibt es an fast allen Küstenorten, wo Fischer und Seefahrer leben, auf dem kanarischen Archipel und "in Spanien", also auf dem fernen Festland.

Klaus G. Müller, 2004

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