TaiwanTaiwan
   ex Ilha Formosa
  
(= Schöne Insel, portugiesisch)
"The answer is 'yes, but not with you'! - Die Antwort ist 'ja, aber nicht mit Ihnen'!" steht auf dem T-Shirt der bildhübschen, unruhigen Chinesin an der Bushaltestelle in Taipeh, der Hauptstadt Taiwans. Immer wieder trippelt sie hin und her und verschlingt meine blonde Freundin fast mit den Augen. Endlich fasst sie sich ein Herz. "Where you from? - Wo sind Sie her?" Nach zwei Minuten sind wir im eifrigsten Nachrichten-Austausch. Emi weiß bald, dass wir aus Belgien und Deutschland kommen, dass wir auf dem Weg ins Palast-Museum sind, dass wir anschließend auf dem Nachtmarkt essen wollen. "You watch - passen Sie auf! Beef (zwei Zeigefinger als Hörner an die Stirn), muuuh, no good - Rindfleisch besser nicht, vely expensive - sehr teuer! (Chinesen können meist kein r aussprechen und sagen dafür l.) Polk - Schwein, (grunzen), good. Sometimes hot - manchmal stark gewürzt (wedelnde Handbewegung vor dem geöffneten Mund)." Schließlich kann sie ihre Neugier nicht länger ertragen und fragt, ob sie die blonden Haare meiner Freundin berühren dürfe. Die Untersuchung ist offenbar zufriedenstellend. Denn sie kündigt uns an, dass sie abends mit uns auf den Nachtmarkt kommt. Es wird ein munterer Ausflug mit exotischen Delikatessen. An einem Stand lässt der Inhaber ein paar Tropfen von dem Giftzahn einer Kobra in ein Glas träufeln und sperrt die Schlange und einen Mungo zusammen in einen Käfig. Nach aufregendem Kampf ist die Kobra tot. Ihr Kopf wird abgeschnitten, ihr Blut aus dem Körper gedrückt und mit dem Gift vermischt. Die kleinen Gläser mit dem begehrten Potenzmittel werden dem Verkäufer fast aus der Hand gerissen.
        Wenig später lädt uns unsere neue Freundin Emi in ihr Tatami-Gästezimmer ein. Ihr Lebensabschnittsgefährte Lu spricht leider kein Wort Englisch, ist aber von ruhiger Liebenswürdigkeit. Den Ton im Haus gibt ohnedies Emi an. Wie ein Wirbelwind saust sie herein, wechselt an der Wohnungstür Straßenschuhe gegen Haus-Schlappen, an der Balkontür Haus-Schlappen gegen Balkon-Klongs, rast zum Bad, wechselt an der Badezimmertür Haus-Schlappen gegen Bad-Flip-Flops ohne zu stolpern. Ein Filmprogramm!
        In einer Ecke steht ein verhangener roter Kubus. Wir fragen, was es sei. Rote Köpfe, keine Antwort. Ein paar Tage später erfährt meine Freundin von Emi unter vier Frauen-Augen, dass es ein Buddha in einem Glaswürfel ist. Er ist aber verhüllt, um nicht zu sehen, dass unser Pärchen in Sünde lebt, nämlich nicht verheiratet ist.
        Natürlich bringen wir nach Landessitte jeden Tag Geschenke mit. Leckereien sind immer willkommen. Blumen werden von Chinesen weniger geschätzt, da sie wenig praktisch, weil verderblich, nicht essbar und selten weiterverschenkbar sind. Aber es gibt einen Fisch im Aquarium. Der arme Kerl ist allein. Da liegt nichts näher, als ihm einen Gefährten mitzubringen. Der neue schwimmt dem alten auch eifrig nach. Vielleicht ein Pärchen, vielleicht bald Kinderchen, eine neue Fischdynastie? Hoffnungsvolle Freude. Am nächsten Morgen sehen wir mit Entsetzen, dass unser Mitbringsel den Platzhirsch zur Hälfte verzehrt hat.
        Wir wollen per Boot-Stop in Richtung Europa, heften in den Werften Zettel an "Want Crew? Experienced sailing couple available westbound. - Suchen Sie Mannschaft? Segelerfahrenes Paar frei in Richtung Westen." Bald kommt ein Anruf und wir heuern auf einer Formosa 48 an. Sie liegt schon im Hafen Keelung. Dort wohnen zufällig die Eltern von Emi, die sie am Wochenende besucht. So sieht sie "unsere" Yacht sogar noch vor uns. Wir fragen neugierig, wie sie denn aussieht. "Beautiful! - Wunderbar! Vely small - sehr klein! (Sie hat wohl die enorme 15-m-Yacht mit den großen Frachtschiffen im Hafen verglichen.) Big white balls, so cannot sink! - Mit großen weißen Bällen, damit sie nicht sinken kann!" (Sie hielt die Fender, die das Boot zum Schutz gegen Schrammen von der Kaimauer abhalten sollten, für Schwimmkugeln.) Ich hätte die bezaubernde Person mit ihren strahlenden Augen küssen können.
        Das taiwanesische Fernsehen überträgt statt Sex, Mord und Totschlag (wie hieß eins unserer schwachsinnigen Programme kürzlich? "Non-stop-nonsense.") fast täglich alte Heldenopern, um den jungen Leuten der Gameboy-Generation höhere Werte, Ideale, Sitte, Anstand zu vermitteln. Hier haben sich offenbar eines Tages einige über ihre Spesen hinausdenkende Politiker, verantwortungsbewusste Medien-Produzenten ohne Quoten-Gier und verständige Verbraucher in einer stillen Übereinkunft bereit gefunden, auf die vergängliche Lust-Erregung, den Kick des Konsums, den Kick des Voyeurismus, den Kick der Gewalt zugunsten wesentlicher Dinge zu verzichten. Die Aufnahmesäle können besucht werden. Und so sahen wir ein paar Mal chinesische Opern auf der Bühne, Wort für Wort von unserem großen Freund Yu ins Englische übersetzt.
        Eine konfuzianisch geprägte Geschichte schildert die vier Menschen, die vor der Geißel der Barbaren aus dem Norden fliehen. Schließlich sind der kleine Sohn und der Neffe zu müde zum Laufen. Der Vater kann nur einen von ihnen tragen und bittet die Mutter zu entscheiden, welcher von den beiden Jungen zurückgelassen werden soll. Die tugendhafte Mutter sagt: "Lass es unseren Sohn sein. Wir können einen anderen hervorbringen. Aber dein Bruder ist tot. Sein einziger Sohn muss leben, um den Totendienst für ihn zu verrichten und seinen Geist im Jenseits zu ernähren."
        Eines Tages lud uns Yu zu seinem Geburtstagsessen nach Hause ein. Kulinarische Köstlichkeiten. Nach dem 4. Gang und vor dem Nachtisch standen die beiden Kinder von 12 und 16 auf, knieten sich vor ihrem Vater auf den Boden und sagten in langer, förmlicher Ansprache: "Zu Deinem Geburtstag möchten wir Dir von ganzem Herzen danken für alles was Du für uns getan hast, Deine Liebe, Fürsorge, Erziehung, Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit..." Ungerührt meinte Yu: "Das könnt Ihr Eurer Mutter auch sagen" Gleiche Szene vor dem Stuhl der Mutter.
        Unnötig zu sagen, dass wir viele Tage mit und ohne Yu im Palast-Museum verbracht haben, der weltweit größten Sammlung Chinesischer Kunst, die seinerzeit Chiang Kaishek bei seiner Flucht vom Festland nach Taiwan brachte und so vor den Zerstörungen der Kulturrevolution bewahrte. Das Museum ist vor einen Berg gebaut, mit dessen unterirdischen klimatisierten Panzerräumen von 250.000 qm es ein großer Tunnel verbindet. Dort lagern die 650.000 kostbaren Objekte aus fünf Jahrtausenden, die größte Sammlung chinesischer Kunst der Welt. Dank einer Einführung des Britischen Museums konnten wir die erlesensten Cloisonné-Stücke der Sammlung bewundern, die in einem Wagen in den Tunnel gebracht wurden.
        Rundfahrt zu Taroko-Schlucht, die einen mit ihren senkrechten Felsabstürzen das Gruseln lehren kann, zu Sonne- und Mondsee, in die Großstadt Kaohsiung. Beim Einchecken in ein Hotel erklärte uns der Direktor, der zum Empfang der westlichen Rundaugen gerufen wurde, wie der Privatsender des Fernsehers funktionieren. Wir meinten: "Nein danke. Wir verstehen kein Chinesisch." Der Mann sah uns etwas erstaunt an. Später gerieten wir bei Zappen zufällig doch in den Privatsender. Arbeiten eines bemerkenswerten pornografischen Naiven. Die Sex-Szenen waren auch ohne Sprachkenntnisse sehr verständlich. Daher der erstaunte Blick des guten Mannes im Empfang.
Klaus  G. Müller, 2009


Filigrane Cloisonné Dose mit Lotusdarstellungen.
(National Palace Museum Taiwan)

Cloisonné oder Zellen-Schmelz, Steg-Email, die "Krone der Emailtechniken" (dixit der berühmte mittelalterliche Goldschmied Benvenuto Cellini) besteht darin, auf eine Basis von meist Kupfer, Messing, Silber oder Gold Drähte des gleichen Materials aufzulöten (heute auch gelegentlich aufzukleben), die Zellen bilden. In diese wird mehrfach Email eingefüllt, dessen Farben so getrennt bleiben, und bei 700-800° gebrannt. Schliesslich wird die Oberfläche unter fliessendem Wasser vielfach zu einer seidigen Oberfläche geschliffen - zuletzt mit Holzkohle, sodass auch die Drähte sichtbar bleiben.

Die Verarbeitung von Cloisonné gelangte in der ausgehenden Yuan Dynastie (1279–1368) vom Mittelmeer-Raum ostwärts nach Asien. Zellen-Schmelz wurde überaus beliebt in China, da es "die kühle Glätte des Jade, den matten Glanz der Perle und die delikate Feinheit des Porzellans" aufweist. Besonders geschätzt wurde es in Beijing (Peking) in der Jingtai Periode, der Zeit der "friedlichen Landschaft" während der Ming-Dynastie (1368–1644). Es heisst auf Chinesisch "Jingtai Lan", weil seine Hauptfarbe blau, auf Chinesisch "Lan" ist. Die Farbe entsteht durch Verwendung von Kobalt, das aus dem Norden kam und im Laufe der Geschichte mal mehr, mal weniger von den "nördlichen Barbaren", also den Mongolen und Tartaren durchgelassen wurde. Cloisonné wird oft verwechselt mit Champlevé = Senk-Schmelz, Gruben-Schmelz, bei dem aus einer dickeren Basis Metall ausgehoben und die Vertiefungen mit Email gefüllt werden. Die Technik wurde im mittelalterlichen Limoges zur Vollendung geführt. Wegen des grösseren Metall-Verbrauchs nennt man Champlevé oft die Arbeit des Silberschmiedes, während Cloisonné die Arbeit des Goldschmieds war. Metall und Glas mit ihren verschiedenen Dehnungskoeffizienten bei unterschiedlichen Temperaturen bilden eine schwierige und empfindliche Ehe. Viele Stücke, besonders des empfindlichen Cloisonnés, haben daher die Jahrhunderte nicht unbeschadet überlebt. Es ist ein Kunsthandwerk, dessen Vasen, Schüsseln, Platten, Teller, Rauchsets, Laternen, Tierstatuen usw. für den sehr hohen Arbeitsaufwand im Antiquitätenhandel fast überall unterbezahlt sind. 
K. G. Müller, 2011

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