Nazca-Kultur
Um 370 v. Chr. bis 450 n. Chr. dominierte im südlichen Küstenabschnitt Perus der Nazca-Stil. Diese Kultur blühte im wesentlichen in der gleichen Gegend, in der auch die Paracas-Kultur zu Hause war und war deren direkter Erbe, da sie dieselbe religiöse Tradition, dieselbe Webtechnologie und ganz allgemein denselben Lebensstil besitzt. Der Namensgeber dieser Kultur, Thomas Joyce, glaubte, daß das Zentrum im Einzugsgebiet des Río Grande de Nazca lag. Der genaue Ursprungsort ist unbekannt, könnte aber im unteren Ica-Tal genauso wie im Einzugsgebiet des Río Grande de Nazca liegen.
Die Nazca-Kultur entwickelte sich in einem Gebiet mit extremen klimatischen Bedingungen. Die Südküste von Peru ist eine subtropische Wüste mit einer jährlichen Niederschlagsmenge zwischen 0 und 25 Millimetern. Es gibt Jahrzehnte, in denen kein einziges Tröpfchen Wasser vom Himmel kommt. Das Klima wird durch den kalten Humboldtstrom im Pazifik kontrolliert, der verhindert, daß der Regen die Küstenzone erreicht. Die Temperaturen schwanken zwischen 10 und 32 Grad Celsius. Im Juni, Juli und August, dem dortigen Winter, dehnen sich die Nebelbänke, die sich über dem Ozean befinden bis ins Landesinnere aus und sorgen dafür, daß die Temperaturen niedrig bleiben. Der periodische El Niño bewirkt sintflutartige Regenfälle und Springfluten entlang gewisser Küstenstriche, anderswo hingegen schwere Dürren. Dieses Phänomen tritt auf wenn warme Wassermassen durch den Pazifik wandern und das kalte Wasser des Humboldtstromes verdrängen. Der letzte El Niño im Jahre 1998 war einer der schlimmsten seit rund fünfhundert Jahren und brachte nicht nur Schäden, die die Bevölkerung betraf, sondern auch die archäologischen Stätten.
Das Volk der Nazca setzte sich wahrscheinlich aus einer Reihe kleiner Fürstentümer zusammen, die in den Becken vom Rio Pisco über den Rio Ica, den Rio Grande de Nazca und Rio Lomas bis zum Rio Ocoña lagen. Sie betrieben Ackerbau mit künstlicher Bewässerung und verwandelten so den Wüstenboden und karge Täler in fruchtbares, ergiebiges Land. Sie lebten in Dörfern am Rand der Ackerbauzonen, um die zum Bodenanbau geeigneten Ländereien nicht zu beeinträchtigen. Sie pflanzten Mais, die gewöhnliche Bohne, Lima-Bohnen, Maniok, Kartoffeln und Süsskartoffeln, Kürbisse, Erdnüsse, Avocados, Pfeffer und etliches mehr an. Außerdem jagten sie Meeressäuger, wie Robben und Otter und verwendeten Netze zum Fischfang. Nicht essbare Pflanzen, wie Baumwolle, Schilfrohr, Flaschenkürbisse und Binsen, wurden für alltägliche Zwecke verwendet. Auch Haustiere wie das Lama und das Alpaka waren bei den Nazca-Leuten heimisch. Anlässlich von Riten verspeisten sie auch Meerschweinchen.
Anhand der bildlichen Darstellungen auf den Keramiken und der in Gräbern bestatteten Körper mit den Grabesbeigaben ist es nicht schwer, das Aussehen der Nazca-Leute zu rekonstruieren. Man konnte auf den Keramiken zwei unterschiedliche Männerdarstellungen finden: Bauern und Krieger. Aufgrund des heißen Wüstenklimas trugen die Bauern nicht viel Kleidung. Gewöhnlicherweise hatten sie einen Lendenschurz an und trugen eine konische Kappe mit Klappen, die als Nackenschutz dienen konnten. Krieger waren meist besser gekleidet als Bauern. Sie bedeckten ihren Oberkörper mit einer Tunika, trugen aber auch den traditionellen Lendenschurz. Oft bemalten die Krieger ihre Gesichter. Als Waffen waren auf den Keramiken Schleudern, die sie um den Kopf trugen, Stöcke, Speere, atlatl (Speerschleudern) und bolas (Wurfschlingen) zu erkennen. Erst ab der Phase 5 der Nazca-Kultur findet man auch Frauendarstellungen. Meistens trugen die Frauen längere Haare als die Männer und ein den ganzen Körper einhüllenden Umhang. Eventuell trugen sie unter den Umhang noch eine lange Tunika mit Fransen an den Ärmeln. Außerdem besaßen sie Tätowierungen auf ihren Armen und ab und zu auch auf den Oberschenkeln, dem Gesäß und dem Genitalbereich. Es waren meist übernatürliche Motive, wie der Killerwal oder strahlenförmige Antlitze.
Auch in der Nazca-Gesellschaft waren Schädeldeformationen üblich. Am häufigsten wurde das Stirn- und Hinterhauptbein abgeflacht, indem man ein Brettchen auf der Stirn des Säuglings festband. So entstanden längliche Kopfformen, die auch oft auf der Keramik zu bewundern sind.
Im Einzugsbereich des Flusses Nazca liegt die Mehrheit der Nazca-Siedlungen im Landesinnern, zu beiden Seiten der Nebenflüsse. Auch im unteren Ica-Tal konnte eine ununterbrochene Besiedlung nachgewiesen werden. Eine der bedeutendsten bisher gefundene Städte ist Cahuachi, 6 km südlich von Nazca am südlichen Ufer des Río Nazca. Die Mehrheit der Nazca-Siedlungen waren kleine Dörfer und Weiler.
Während der ca. 800 Jahre dauernden Nazca-Kultur änderte sich die Dichte der Bevölkerung und die Lage der Siedlungen verschiedentlich. In Phase 1 bis 3 fand eine große Expansion statt. In dieser Zeit entwickelten sich auch Zeremonialzentren. Zwei große Dürren in den Jahren 540-560 und 570-610 änderten die Bevölkerungsverteilung. Viele Orte wurden verlassen und wurden nur noch als Grabstätten verwendet. Außerdem fand ein Bevölkerungsrückgang statt. Aufgrund der großen verheerenden Dürren wurden dann anscheinend die puquios, künstliche Wasserleitungen, errichtet. Die Menschen siedelten natürlich in der Nähe dieser Wasserquellen.
Lange Zeit dachte man, daß die Nazca-Kultur ein zentralisierter Staat mit Regierungssitz in Cahuachi war, der mit militärischen Eroberungen sein Machtbereich erweiterte. Dies schloß man aus der einheitlichen Keramik und dem Auftauchen dieser Keramik in weiter entfernten Tälern. Neuere Ausgrabungen hingegen brachten keine Beweise für eine militärische Invasion und auch Cahuachi stellte sich, wie schon erwähnt, als unbewohntes Zeremonialzentrum heraus. Somit ist es heute wahrscheinlicher, daß die Nazca-Kultur aus einer Reihe von Häuptlingstümern bestand, die eine gemeinsame Religion und ein gemeinsames Symbolsystem einte.
Da die Nazca den Naturereignissen, wie Dürren, Erdbeben oder Springfluten, ausgeliefert waren, glaubten sie an übernatürliche Mächte, welche die Ressourcen kontrollierten und das Leben der Menschen beinflußten Das größte Problem war die ausreichende Wasserversorgung und damit verbunden die Beschaffung von Nahrung. Dies drückte sich auch in ihrer Religion aus.
Schamanen hatten bei religiösen Zeremonien eine wichtige Rolle. Sie waren die Vermittler zwischen der überirdischen und der irdischen Welt. Um Kontrolle über die übernatürlichen Kräfte zu gewinnen, benutzten sie halluzinogene Stoffe, die wahrscheinlich aus dem San-Pedro-Kaktus und dem Stechapfel gewonnen wurden. Ein wichtiger Teil in der Nazca-Religion sind die Trophäenköpfe, die in Schlachten den unterlegenen Kriegern abgeschlagen wurden.
Wallfahrten spielten in der Nazca-Religion anscheinend eine große Rolle. Es gab zwar keine Tempel, dafür aber heilige Stätten, Orte an denen eine Konzentration geistiger Energien existierte. Am Andengebiet hiessen solche Orte huaca. Zum Beispiel war der große Sandberg Cerro Blanco, in der Nähe der Stadt Nazca, huaca.
Die Toten der Nazca wurden in Gruben in der sandigen Pampa oder in den Abhängen der Hügel an den Seiten der Flüsse beerdigt. Die Gräber waren durchschnittlich 2 bis 3 m tief mit einem quadratischen oder runden Querschnitt. Ihre Toten begruben die Nazca in Höckerstellung, wobei die Knie an die Brust gedrückt wurden. Außerdem trugen sie Kleidung und waren zusätzlich noch mit extra Textilien umwickelt.

Goldschmuck (Gesicht und Schlangenköpfe)

Geoglyphen

Besonders berühmt sind die Nazca-Scharrbilder. Auf der regenlosen Pampa, in der Nähe der heutigen Stadt Nazca, scharrte man vor mehr als 1000 Jahren geheimnisvolle Bilder in die Erde. So kann man dort Kolibris, Kondoren, Fischen u.a. tier- und menschenähnliche Gestalten, aber auch unzählige Spiralen, Zickzackmuster, Dreiecke, Trapeze und kilometerlange gerade Linien finden. Die Bodenbilder sind auch als Geoglyphen bekannt. Der Name dieser Wüste, pampa, kommt von den Aymara-Indianern und kann mit dem Begriff "weite Ebene" übersetzt werden. Die Wüste wird im Norden durch den Río Ingenio, im Süden und Westen durch den Río Nazca und im Osten und Nordosten durch die Vorgebirge der Anden begrenzt.
In den späten zwanziger Jahren wurden die Nazca-Linien zufälligerweise aus einem Flugzeug entdeckt. Die Piloten machten ein paar Luftaufnahmen davon, die auch Paul Kosok, einem amerikanischen Archäologen, in die Hände fielen.
Seit der Entdeckung dieser Linien stellten sich natürlich viele Menschen die Frage: Warum? Warum erschufen die Nazca-Leute diese gewaltigen Bilder?
Es gibt und gab sehr viele unterschiedliche Theorien, die den Sinn und Zweck dieser Linien erklären sollten.
Paul Kosok besuchte die Nazca-Wüste am 21. Juni 1941 und entdeckte zufälligerweise das eine Linie genau zu dem Punkt zeigte, an dem die Sonne zur Wintersonnenwende unterging. So ist die Theorie des "Größten Astronomiebuches der Welt" entstanden. Die deutsche Mathematikerin Maria Reiche, die seine Arbeit fortführte und jahrzehntelang in der Wüste lebte und forschte, machte diese Theorie populär. Erich von Däniken dagegen sah in diesen Linien Start- und Landebahnen für Außerirdische. Eine andere Ansicht ist, daß viele der geraden Linien rituelle Pfade waren, die heilige Orte und Plätze miteinander verbanden. Neuere Untersuchungen ergaben einen Zusammenhang der Nazca-Linien mit der Herkunft von Wasser.
Um die Geoglyphen herzustellen, trug man den dunklen Kies der Deckschicht ab, so daß die hellfarbige Bodenschicht darunter zum Vorschein kam. Schüttet man die dunklen Steine dann noch an den seitlichen Begrenzungslinien auf, wird der Kontrast noch verstärkt. Durch das fast völlige Fehlen von Wind und Wasser in dieser Wüste, konnten sich die Zeichnungen so lange Zeit erhalten.
Lange Zeit war man der Meinung, daß die Geoglyphen nur aus der Luft zu erkennen seien. Deswegen war man auch der Ansicht, daß das Zeichen für Götter oder Außerirdische sein mußten. Inzwischen fand man aber heraus, daß die Linien auch sehr gut von naheliegenden Hügeln zu sehen sind und man nimmt an, daß sie angelegt wurden, um begangen zu werden. Man bekommt einen ganz anderen Eindruck von den Linien wenn man auf ihnen entlang wandert. Eventuell waren es religiöse Wege, auf denen gegangen, gerannt und / oder getanzt wurde.
Trotzdem bleibt die Frage: Warum haben die Nazca-Leute diese Pfade gerade in der verlassenen pampa angelegt? Vielleicht fanden dort Bewässerungszeremonien statt. Auch in anderen Orten Südamerikas (bspw. in Bolivien in einem kleinen Dorf in der Nähe von La Paz) entdeckte man Linien, die auch noch heute von den dortigen Bewohnern für Fruchtbarkeitszeremonien genutzt wurden. Insbesondere das Tanzen auf den Linien war dabei ein wichtiges Element.
(Auszug aus Indianer-Welt)